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Ein Leben als Nomaden führen

von Dominik Heinzle
Nach einer Nacht im Pfarrhaus in Gisingen führte die Reise von Heiko Gärtner und Tobias Krüger Richtung Liechtenstein. Ein weiteres Land in Europa, das die beiden durchwanderten.  Doh

Nach einer Nacht im Pfarrhaus in Gisingen führte die Reise von Heiko Gärtner und Tobias Krüger Richtung Liechtenstein. Ein weiteres Land in Europa, das die beiden durchwanderten.  Doh

Zu Fuß und ohne Geld auf Weltreise: Heiko Gärtner und Tobias Krüger wanderten durch Vorarlberg.

Feldkirch. (VN-doh) Knapp fünf Grad Celsius und Dauerregen. „Wie verrückt muss man sein?“ Ich gebe zu, das war mein erster Gedanke, als ich vom Projekt von Heiko Gärtner und Tobias Krüger gelesen habe. Seit fast drei Jahren sind die beiden unterwegs. Ihr Ziel: Alle Länder Europas zu bereisen. Und zwar zu Fuß und ohne Geld. Vergangene Woche durchquerten die beiden Deutschen Vorarlberg.

Auf der Etappe von Feldkirch Richtung Vaduz ist das Wetter alles andere als einladend. „Wir machen uns dennoch auf den Weg, denn zwei Nächte an einem Ort zu verbringen, das passiert sehr selten“, erklärt Heiko. Am 1. Jänner 2014 gaben sie ihr sesshaftes Leben in Neumarkt (Oberpfalz) bei Nürnberg auf und tauschten es gegen ein Nomadenleben ein. Auf dem „größten Abenteuer des Lebens“ durchwanderten die beiden  inzwischen 28 Länder. Geschlafen wird meist in Pfarrhöfen, notfalls im Zelt. Essen bekommen sie von hilfsbereiten Menschen, die sie auf dem Weg treffen.

Mittlerweile haben wir das Landeskrankenhaus in Feldkirch passiert und Tobias Krüger kommt mit drei Laiben Brot aus der Bäckerei. Der Verkäuferin hat er nur kurz erklärt, auf was für einer Tour er sich befindet, schon ist die erste Versorgung sichergestellt. So richtig Hunger leiden haben sie bisher nie müssen. „Besonders in Frankreich und in Slowenien waren die Menschen sehr hilfsbereit und gastfreundlich“, erklärt Heiko. Und als richtig gefährlich haben sie die Wanderung nie empfunden. „Bisher zumindest ist nicht wirklich was passiert“, meint Tobias. Einen Tierabwehrspray haben sie dennoch im Gepäck. Der ist im Pilgerkarren verstaut, den jeder der Wanderer an die Hüfte geschnallt hat.

70 Cent pro Kilometer

Rund 60 Kilogramm Gepäck ziehen sie so Kilometer für Kilometer hinter sich her. 19.235 sind es mittlerweile. 70 Cent pro Kilometer bezahlen Sponsoren für vier Sozialprojekte, die die Abenteurer unterstützen. „Unser Ziel ist es, unsere Reise zum längsten Charity Walk der Welt zu machen“, so Heiko. Und sie scheinen auf einem guten Weg zu sein.

Wegen des fehlenden Frühstücks stellt sich bald der Hunger ein. Es gibt Mayonnaise und Brot. Ich steuere Bergkäse und gekochte Eier bei. Wir haben es uns bei der Kirche St. Michael in Tisis gemütlich gemacht.

Leben als Laienmönch

Beim Essen erklärt Tobias, dass er seit einem halben Jahr als Laienmönch der Franziskaner unterwegs ist: „Ohne Geld zu leben, war schon lange ein Wunsch, den ich vor dem Aufbruch mehr oder weniger gelebt habe.“ Und auch frühere Beziehungen hätten sich nicht richtig angefühlt. Das Zölibat ist für ihn der bessere Weg. Mit dem katholischen Glauben hat sein Weg aber wenig zu tun. Mehr die Spiritualität sei es, die er gesucht habe. Der 31-Jährige möchte seit etwa einem halben Jahr auch Bruder Franz genannt werden.

Spirituell ist die ganze Reise der beiden Abenteurer: „Unsere Wanderung ist in erster Linie auch eine Heilungsreise, bei der wir am eigenen Leib erfahren, welche Schritte es auf dem Weg zur Gesundheit zu machen gilt.“ Heiko beißt vom gekochten Ei ab. Er isst es im Ganzen. Also samt Schale. Ich bin nicht verwundert darüber. Der 37-Jährige ist einer der renommiertesten Survivalexperten Deutschlands, wanderte als Steinzeit-Mensch und hat längere Zeit bei indogenen Völkern gelebt. Gedanken an Verrücktheit verschwende ich keinen mehr. Aber die Frage nach dem Warum steht noch im Raum. Warum lässt man ein durchaus erfolgreiches Leben hinter sich? „Wir sind mit der Frage aufgebrochen, wie wir zivilisierten Menschen wieder im Einklang mit der Natur leben können“, kommt als Antwort. Es klingt viel Kritik an den gesellschaftlichen Zwängen in den Erzählungen durch. Sei es beim Thema Lebensmittelverschwendung, der Bezahlung von Lehrern oder auch, wenn es um Steuern geht. Sie wollten sich nicht mehr nach den Zwängen richten.

Eigene Bücher schreiben

Gearbeitet wird dennoch. Abends im Zelt oder in der Unterkunft, die sie finden. Anfang November stellten sie ihr viertes Buch vor. „Die natürliche Heilkraft der Bäume“ ist im mvg Verlag erschienen. Gebloggt wird auch jeden Tag.

Langeweile beim Gehen gibt es keine und der Gesprächsstoff geht auch nicht aus. Auch deshalb ist ein Ende der Reise nicht in Sicht. Der Reiseplan sieht vor, auf dem Jakobsweg durch die Schweiz zu wandern und weiter bis nach Lourdes. Dann an die Küste und nach England überzusetzen. In den Benelux-Staaten wollen sie den nächsten Winter verbringen, bevor es nach Skandinavien geht. Dann haben sie alle europäischen Staaten durchwandert. Mit dem Segelboot soll es nach Amerika gehen.

„Streit gibt es immer mal wieder. Vor allem dann, wenn einer von uns sich Problemen nicht stellen will“, erklären beide. Manchmal bekommen sie Besuch von Freunden oder Menschen, die ein Stück auf dem Weg der Selbstheilung mitgehen wollen. „Wir müssen aber immer abwägen. Was bringt uns der Besuch an Energie und was kostet er uns“, meint Heiko. Ich bin mir nicht sicher, was mein Besuch gekostet hat. Energie in Form von Kalorien aus Eiern und Käse gab es aber. Als ich mich in Schaan Richtung Bus verabschiede, bin ich jedenfalls beeindruckt von den Lebensabenteurern.

Ein Reisetagebuch und weitere Infos zu den Abenteurern gibt es unter lebensabenteurer.de.

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