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Von Frömmlern und Heuchlern

von Christa Dietrich
Das Stück „Tannöd“ basiert auf dem Roman der deutschen Autorin Andrea Maria Schenkel, der eine Millionenauflage erreichte.  FotOS: VN/cd

Das Stück „Tannöd“ basiert auf dem Roman der deutschen Autorin Andrea Maria Schenkel, der eine Millionenauflage erreichte.  FotOS: VN/cd

Mit „Tannöd“ hat der Spielkreis Götzis ein starkes Stück äußerst mutig umgesetzt.

Götzis. Zum Flecken Hinterkaifeck in einem oberbayerischen Kaff gibt es mittlerweile sogar Touristen-Führungen, handelt es sich doch um einen Ort, an dem vor fast hundert Jahren grausame Morde passiert sind, wo mehr oder weniger eine ganze Familie samt Kleinkindern hingemetzelt wurde, ohne den Täter je zu entlarven. Diese Art der Pervertierung des nach wie vor ungelösten und mehrfach dokumentierten Falles ist der deutschen Autorin Andrea Maria Schenkel allerdings nicht anzulasten; dass ihr Kriminalroman „Tannöd“ nach dem Erscheinen vor rund zehn Jahren die Bestsellerlisten anführte, dass ein Hörspiel, ein Film und Bühnenfassungen darauf basieren, ist aber wohl auf ihre Zeichnung der Beteiligten zurückzuführen. So wie die verschiedenen Personen die zum Teil weit zurückreichenden Vorfälle rund um den Einödhof schildern, ergibt sich ein Bild von einer Gemeinschaft, in der sich Bigotterie und Heuchelei zur grausigen Fratze verdichten.

Entscheidend für den Romanerfolg ist aber wohl auch, dass den Lesern hier Mechanismen vor Augen geführt werden, die alles andere als realitätsfern sind. Das Schweigen zu einem Kindesmissbrauch, der sich über die Jahre wiederholt, das Erdulden von patriarchalischer Tyrannei, die sture Religiosität, die dem Klerus nur recht ist, ein Vertuschen, das die Menschen quasi verinnerlicht haben und eine Frömmelei, die sich an sich mit christlicher Nächstenliebe nicht vereinbaren lässt, skizzieren Zustände, die nicht nur in grauer Vorzeit herrschten, sondern die sich in Facetten auch heute noch zeigen. „Tannöd“ geht den Menschen so nahe, weil sie einzelne Geschehnisse, Schicksale und Reaktionen mit ihrem Alltag in Verbindung bringen können, und sei es nur, dass die Vorfälle mangelnde Zivilcourage bewusst machen.

Mutiges Unterfangen

Bereits für die Spielzeit vor rund acht Jahren hatte sich das Tiroler Landestheater die Uraufführungsrechte der Bühnenfassung gesichert, mehrere Unternehmen in Deutschland spielten das Stück nach, was den Verkauf des Romans ebenso befeuerte wie der Film von Bettina Oberli mit Julia Jentsch und Monica Bleibtreu. Für den Spielkreis Götzis ist die Wahl der Herbstproduktion ein äußerst mutiges Unterfangen, entschied man sich doch – anders als in Innsbruck – für die reine Erzählform. Ein gutes Dutzend Darsteller hat somit über zwanzig Rollen zu übernehmen, muss es schaffen, das Interesse des Publikums auf sich zu lenken, auf die Sicht der Ereignisse, die man darbietet. Dass dies allen Beteiligten in der beinahe zweistündigen, pausenlosen Aufführung gelingt, weist den Spielkreis als besondere Truppe in der Vorarlberger Amateurtheaterszene aus.

Neugier gewünscht

Regisseur Hansjörg Ellensohn und seine Assistentin Barbara Wolf durften einerseits auf Präsenz und Artikulationsfähigkeit in ihrer Truppe vertrauen, andererseits zählen sie auch auf ein Publikum, das bereit ist, sich mit diesem Stoff auseinanderzusetzen und einem Theater, das einmal nicht auf Turbulenzen mit mehr oder weniger großem Tiefgang setzt, mit Neugier gegenübersteht. Selbige ist dem Spielkreis absolut zu wünschen.

Auf einer von Heide C. Heimböck entworfenen Bühne, die nur mit Heuständern versehen ist, nehmen die Spieler, bäuerlich kostümiert von Marietta Kilga und Emi Heinzle, nach dem einer Prozession gleichenden Einzug Aufstellung, um für die einzelnen Monologschilderungen an die Rampe zu treten. Einige der Ständer bzw. „Hoanza“ lassen dabei Assoziationen zu Kreuzen zu und bilden den optischen Bühnenmittelpunkt, um nachvollziehbar klarzustellen, dass eine Unterwürfigkeit als Nachwirkung von jahrhundertelang eingeforderter, unreflektierter Angepasstheit die Katastrophe mitbedingt.

Hochseilakt ohne Netz

Die Inszenierung zielt nicht darauf ab, die Spannung im Hinblick auf die Täterermittlung zu erhöhen; was diese Aufführung, an derem hohen Niveau alle gleichsam beteiligt sind, so bedeutend macht, sind psychologische Faktoren, die die Erzähler in stoischer Ruhe sichtbar werden lassen. Amateuren wird im Allgemeinen die Möglichkeit geboten, Unsicherheiten mit Aktion und Improvisation auszugleichen. Hier ist enorme Konzentration erforderlich, die erbracht wird. Dem Spielkreisteam gelang ein Hochseilakt ohne Netz und doppeltem Boden.

Weitere Aufführungen von „Tannöd“ am 28. Oktober und
5. November um 20 Uhr sowie am
30. Oktober und 1. November um
18 Uhr im Vereinshaus Götzis.

<p class="caption">Berührend: Lisa Marte in der Rolle der Barbara.</p>

Berührend: Lisa Marte in der Rolle der Barbara.

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