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Ein Wohlfühlpaket mit Tücken

von Fritz Jurmann
Dirigent Gérard Korsten mit dem Symphonieorchester Vorarlberg und dem russischen Violinsolisten Ilya Gringolts. Foto: SOV/Mathis

Dirigent Gérard Korsten mit dem Symphonieorchester Vorarlberg und dem russischen Violinsolisten Ilya Gringolts. Foto: SOV/Mathis

Gérard Korsten und das SOV gewannen einem Allerweltsprogramm neue Aspekte ab.

FELDKIRCH. Eine neue Saison unter dem Motto „Romantik pur“ mit zwei Knüllern des Konzertrepertoires zu eröffnen, wie es das Symphonieorchester Vorarlberg am Samstag im Montforthaus in Feldkirch getan hat, ist ganz nach dem Geschmack des Abonnementpublikums. Es erwartet sich gerade von einem solchen Wohlfühlpaket mit populären Werken neben viel schöner Musik aber auch interessante Deutungen. Das wollte bei Johannes Brahms noch nicht auf Anhieb gelingen, dafür hatte der volle Saal nach der Pause allen Grund, eine famose, kantige Große C-Dur-Symphonie von Franz Schubert zu feiern.

Anfangsschwierigkeiten

Der von Anfang an spürbare Wille aller Beteiligten, aus diesem Allerweltsprogramm abseits bloßer Routine etwas Besonderes zu kreieren, bleibt zunächst noch in den Ansätzen stecken. Das liegt nicht so sehr am umsichtigen Chefdirigenten Gérard Korsten und den konzentrierten Musikern, sondern zu einem Gutteil auch am Solisten, dem namhaften russischen Geiger Ilya Gringolts (34), hier zum ersten Mal mit dem SOV zugange.

Er sieht aus wie der Dirigent Kirill Petrenko und ist einer der Stillen, ein introvertierter Künstler, der ganz in seiner musikalischen Welt aufgeht. Die besteht an diesem Abend allein aus dem berühmten Violinkonzert in D-Dur von Brahms, für das er eine untadelig schöne, emotional verbrämte und technisch perfekte Wiedergabe bereithält. Doch wirkt sein Spiel so sehr inwendig auf sich konzentriert, dass er damit weder Musiker noch Zuhörer wirklich mitzureißen vermag. Dazu kommt, dass seine wertvolle Stradivari so wie er selbst verhalten reagiert und nicht den tonlichen Glanz entfaltet, den man sich von diesem Virtuosenkonzert eigentlich erhofft hat.

Es bleibt zunächst also bei einer soliden Wiedergabe, an der das Orchester mit dem ständigen Konzertmeister Pawel Zalejski und der wunderbaren Oboensolistin Heidrun Pflüger im Thema des zweiten Satzes großen Anteil hat. Still, fast zerbrechlich ist auch Gringolts Zugabe, ein schüchternes Andante aus Bachs a-Moll-Sonate.

Schuberts 8. zum Dritten

Schuberts Symphonie Nr. 8, die Große C-Dur, erklingt hier zum dritten Mal innert kurzer Zeit im Land. Im Sommer 2015 gab András Schiff dem Werk bei der Schubertiade mit seiner „Camerata Andrea Barca“ etwas Pathos mit auf den Weg; Philippe Jordan betonte bei den Festspielen mit seinen Wiener Symphonikern den Drive des Werks. Schubert verträgt beides und wird von Gérard Korsten mit seiner langjährigen Mozarterfahrung wiederum mehr aus diesem Blickwinkel gesehen: Schubert als „Klassiker der Romantik“. Mit dieser Idee versteht es Korsten, seine Musiker zu einer wirklich aufregenden Deutung dieses Werks zu motivieren, das in Ansätzen oft weit und prophetisch bis Bruckner und Mahler voraus reicht. Das Wohlfühlpaket wird damit aufgeschnürt: Da geht es nun nicht mehr bloß um schöne Musik, es wird der Charakter dieses besonderen Werks herausgeschält. Es sind auch die spannenden Bezüge der Sätze untereinander und eine geschärfte Sichtweise, die faszinieren, und diese Interpretation zu etwas ganz Besonderem machen. Speziell spürt man das am oft lieblos heruntergenudelten Andante, das mit schroff herausgearbeiteten Hell-Dunkel-Kontrasten im Zwiegesang von Holz und Streichern hier innig wie ein Gebet musiziert wird. Und da springt nun der Funke über. So werden schließlich sogar die von Robert Schumann so treffend apostrophierten „himmlischen Längen“ dieses Werks als durchaus kurzweilig empfunden, denen man noch lange hätte zuhören können. Irgendwann, nach 50 Minuten ohne die Wiederholung im ersten Satz, ist dann sogar das galoppierende Finale mit den immer wieder ausbrechenden Eruptionen zu Ende, und was jetzt ausbricht, ist ein Jubelorkan des Publikums. Schuberts liebliche Ballettmusik aus „Rosamunde“ gibt es dafür als Zugabe auf den Heimweg. Nach dem vorangegangenen Gastspiel in Klagenfurt ein toller Start des SOV in die neue Konzertsaison.

Wiederholung am 31. Oktober, 19.30 Uhr, Festspielhaus Bregenz, Hörfunkwiedergabe am 6. und 13. November, 20.05, Radio Vorarlberg

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