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Rechtzeitig noch eine “Suite für Menschenrechte”

Jazzpianist David Helbock übermittelte mit seiner Musik, u. a. interpretiert von Filippa Gojo, auch ein wichtiges Anliegen.  Foto: Jurmann

Jazzpianist David Helbock übermittelte mit seiner Musik, u. a. interpretiert von Filippa Gojo, auch ein wichtiges Anliegen. Foto: Jurmann

„Texte & Töne“ bescherte ein Wochenende mit vielen Uraufführungen, die mehr Hörer haben sollten.

DORNBIRN. (JU) Sie sind zu einer großen Familie geworden, die Literaten, Komponisten und Musiker des Landes. Dies zeigte sich beim von Bettina Barnay kompetent moderierten Festival „Texte & Töne“ im ORF-Landesfunkhaus in Dornbirn. Man freute sich gemeinsam mit dem Publikum an einer Vielfalt aktueller Werke, mit zahlreichen thematischen Bezügen untereinander verschränkt, und man trauerte gemeinsam um einen der Ihren, den eben viel zu früh verstorbenen Flötisten Eugen Bertel. Eine Gedenkminute und ein Stück von André Jolivet mit dem Bertel-Schüler Martin Bürgermeister als Soloflötisten und Wolfgang Lindners Ensemble „vorarlpercussion“ erinnerten an den allseits beliebten Musiker.

Den Beginn macht ein türkisches Doppel mit der ersten von sieben Uraufführungen. Rapper Muhammet Ali Bas gibt in seiner Erzählung „Das Tochter gewordene Kind“ der Geschichte um Maria eine überraschende Wendung, Murat Üstün erfindet dazu märchenhaft orientalische Klänge. Namhafte Musiker wie der Symphoniker Raffael Leone, Altflöte, Marcel Üstün, Horn, Aydin Balli, Kürbisgeige und Saz und der Komponist am präparierten Klavier sorgen für Töne von starker Sogwirkung. Zwei prominente Vorarlberger Autoren geben mit spannenden Erzählungen den Rahmen für weitere musikalische Darbietungen: Hans Platzgumer macht ein Kapitel aus seinem neuesten Buch „Am Rand“ mit Tonzuspielungen zum Livehörspiel, Daniela Egger präsentiert ihre humorvoll-hintergründige Geschichte „Die Nacht des Kaisers“. Dies mündet in eine Liedvertonung von Texten Robert Schneiders durch den öfter hier tätigen ukrainischen Komponisten Wladimir Rosinskij. Das wunderbar harmonierende Damentrio „GrenzKlang“ mit Sabine Winter, Sopran, Sandra Schmid, Klarinette, und Sandra Bolt, Klavier, gibt dem Werk mit seiner Virtuosität und Expressivität eine aufregende Deutung.

Positiv aufgenommen

Der Abend gehört zunächst dem Symphonieorchester Vorarlberg, das sich bei diesem Anlass abseits seiner gewohnten Aufgaben den besonderen Herausforderungen der zeitgenössischen Musik stellt. Dabei hilft zunächst die Verpflichtung des top bewanderten und überlegenen amerikanischen Dirigenten Scott Voyles. Dazu kommt der spürbare Einsatz jedes einzelnen Musikers, was in Summe zu einer auch vom Publikum und den anwesenden Komponisten sehr positiv aufgenommenen, überzeugenden Darbietung der drei in Profil und Stilistik sehr unterschiedlichen Werke führt. Starglanz kommt mit der international bekannten ungarischen Sopranistin Ildiko Raimondi. Als Solistin von enormer Bühnenpräsenz brilliert sie im Liederzyklus
„ … und mich nach ihm zu Tode sehnend“ des Oberösterreichers Helmut Schmidinger. Die Briefe Gustav Mahlers an seine Geliebte Anna von Mildenburg bilden die Vorlage für eine impressionistische, raffiniert mit Zitaten, Farben und Rhythmen Mahlers spielende tonale Klangpalette.

In die Welt herber Vierteltönigkeit führt die extrem anspruchsvolle und komplexe Partitur des Violinkonzerts der einzigen Frau unter den Komponisten, der Russin Alexandra Karastoyanova-Hermentin, die in düsteren Tönen, mit Stampfen und schmerzvollen Intervallen auch den Gang nach Golgotha heraufbeschwört. Alexander Janiczek verwirklicht seinen Solopart sicher und mit großer Gelassenheit. Dann folgt das mit Spannung erwartete Orchesterwerk „Pastorale“ des Altachers Michael Floredo als Auftragswerk des SOV. Der Komponist scheut sich nicht, mit naturalistischem Donnergrollen und Vogelgezwitscher für den Normalhörer Anleihen bei Beethovens „Sechster“ zu wagen. Seine spezielle Meisterschaft in der ausgeprägt persönlichen Orchesterbehandlung wird aber in Klangflächen von atmosphärischer Dichte deutlich, in Ausbrüchen von großer Kraftentfaltung und zwingender Rhythmik. Für Effekte sorgt ein durchgehend solistischer Klavierpart (großartig: Akiko Shiochi). Ein toller Erfolg für den Kompositionspreisträger.

Politisches Statement

Spätabends dann die letzte Uraufführung, die „Suite für Menschenrechte“ von Klavier-Jazzguru David Helbock. Die weltweite Bedeutung dieses Anliegens deutet er durch geographische Bezüge an. Filippa Gojo, die schon am Nachmittag mit vokal ausgereizten Dialekttexten von Kaspar Hagen verblüffte, wird auch hier zum Naturereignis, der man im virtuosen Umgang mit ihrer Stimme die heißblütige Carmen ebenso glaubt wie eine swingende Ella. Das u. a. mit Johannes Bär an Tuba und Alphorn aufgefettete „Ensemble plus“ ist für Helbock der ideale Partner, um sein politisches Statement in mitreißender Form umzusetzen.

Das gehört gleich in die Konzertsäle

Dornbirn. (VN-cd) Hilde Domin (1909-2006) zählt zu jenen Schriftstellerinnen, deren Wirkung aufgrund von Verfolgung und Vertreibung durch die Nazis Einschnitte erfuhr. Ihre Lyrik in Erinnerung zu rufen ist nicht nur beachtenswert, auch dass der Vorarlberger Wolfgang W. Lindner einige ihrer Texte für Kammermusik und Bariton vertonte, sollte bzw. muss nicht nur einem größerem Publikum zu Gehör gebracht werden als jenem Grüppchen, das neben den Interpreten und ihrer Entourage beim „Texte & Töne“-Vormittag am Sonntag anwesend war, auch die Werkdaten verlangen nach Aufnahme in eine Fachpublikation. Auf spätromantischer Basis gelingt Lindner ein vielschichtiges Werk mit Betonung des Flötenparts, das dem Bariton Johannes Schwendinger die Herausforderung bot, die Grenzen des eigenen Stimmfachs auszuloten bzw. zu überschreiten.

Überraschungen

Auch für Gerald Futschers „un état furtif“ gilt, dass dem Stück, das angeregt von Texten des französischen Schriftstellers Michel Houllebecq und des österreichisch-deutschen Philosophen Edmund Husserl entstand, baldige Aufnahme in ein Konzertsaalprogramm beschieden ist. Der eingehende, auf Klangnachwirkung hin entworfene Klavierpart, der Futscher-Kennern beweist, dass dieser Komponist immer wieder für Überraschungen gut ist, dürfte bald Interessenten unter den Interpreten finden. Abgesehen von kleinen Hörspielen junger Autoren (etwa Theresia Moosbrugger und Felix Kalaivanan) unterschiedlicher Aussagekraft und kurzen Stücken von John Palmer und Jurii Gontsov galt es, das 20-Jahr-Jubiläum des „ensembles plus“ mit Andreas Ticozzi zu thematisieren. Nach Darbietungen unter der Leitung von Wladimir Rosinskij hatte die neue CD erste Abnehmer. Weitere mögen folgen.

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