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Es geht um Augenblicke der Unabhängigkeit

Arnold Maxwill ist neuer Träger des Feldkircher Lyrikpreises.

Arnold Maxwill ist neuer Träger des Feldkircher Lyrikpreises.

Der neue Gedichtband „Lyrik der Gegenwart 64“ ist auch ein gesellschaftspolitisches Statement.

Lyrik. (VN) Vor fast fünfzig Jahren erschien Hilde Domins Buch „Wozu Lyrik heute. Dichtung und Leser in der gesteuerten Gesellschaft“ und wurde als Streitschrift bezeichnet, welche die angedrohte Hinrichtung der Poesie im letzten Augenblick verhindern wolle.

Je mehr der Lyrik der Tod prognostiziert wurde und wird und Verleger Lyrik nicht drucken wollen, weil dafür angeblich kein Markt besteht, desto widerständiger kümmern sich Autoren gerade um das Gedicht. Es geht darum, wie Domin konstatiert, „uns gegen die Programmierbarkeit zu stärken und die Augenblicke der Unabhängigkeit aufzurichten, in der wir Subjekt und nicht Objekt sind.“

Für Autoren ist es daher eine große Ehre, wenn Kollegen ihren Gedankenfaden aufnehmen und sich mit einem ihrer Texte auseinandersetzen. „Von der Kante des Kalenders stürzt die Zeit“ – diese Zeile eines Gedichtes der in Florida lebenden Schriftstellerin Susanne Eules, Trägerin des Feldkircher Lyrikpreises im Vorjahr, war heuer für rund 400 Dichterinnen und Dichter der Anlass, um sich mit jeweils fünf Gedichten um den heuer erneut aus­geschriebenen

Lyrikpreis zu bewerben. Aus der großen Zahl der Einsendungen hat die Jury neben jenen der zwei Preisträger Gedichte von weiteren dreißig Dichtern ausgewählt, die soeben in der Anthologie „Lyrik der Gegenwart 64“ erschienen sind. Die in diesem Band enthaltene Lyrik zeigt, wie vielfältig dabei mit dem Thema der stürzenden Zeit, Vergangenheit und Zukunft umgegangen wurde.

Preisträger

Arnold Maxwill, 1984 geboren, ist das Risiko eingegangen, für seine Lyrik ein Konstrukt mit strengen Spielregeln zu bauen und stellt einen Bezug zur bildenden Kunst her. Er bediente sich dabei des Date-Painting-Konzepts des japanischen Künstlers On Kawara, der ungerahmte Leinwände monochrom bemalt und mit dem jeweiligen Datum versieht, sodass eine Art malerisches Tagebuch entsteht. In seinen Gedichten „Date Paintings“ transformiert Maxwill das System von zeitlicher Dauer und räumlichem Aufenthalt in Lyrik und unterstreicht Vergänglichkeit und Fortlauf, indem er den Gedichtzeilen in unregelmäßiger Abfolge am Rand Uhrzeiten zuordnet.

Maxwill notiert: „Gegeben ist: der vierundzwanzigste Mai. der neunzehnte November. gegeben ist: 10:01 14:23 Leinwand & Ummantelung. […]“

Kein Anhalten ist möglich, der unbeugsame Zeitfluss beherrscht die Sekundenabbilder. Er spricht vom Abgleich der Daten, kleinsten Verschiebungen, vielstufiger Mattigkeit, Stempelnorm und notiert: „KOHÄRENZ: KEINE Interviews, 11:02 keine weiteren Fragen; über die Person gibt’s nichts zu sagen. […]“

Der 1964 geborene Hartwig Mauritz, der zweite Preisträger, schafft mit ungewöhnlichen Wortverbindungen Bilder, welche die LeserInnen in vielleicht bekannte Stimmungen versetzen. Melancholie ist die Begleiterin, die sich von der Vergangenheit in die Gegenwart zieht: „angeschirrt an deinen acker tante marta. losziehen bis das pferd verendet bis die eisluft deinen atem holt. dein gedächtnis wirft steife brisen auf das feld. wetter furchen deine haut. zähe kälte zieht am kragen deinen ahnenpass tritt ein soldatenstiefel. […]“

Weitere Autoren

Während Klaus Bölling notiert: „den schlaflosen brennen die weltbilder vor augen sie bilden sätze“, findet sich bei Markus Breidenich: „Die Menschlichkeit in ihren Anführungszeichen/ reicht nicht mal mehr für Prognosen“. Das Gedicht als Augenblick von Freiheit, die Möglichkeit des Ausklinkens formuliert Josef Beneders in seinen Zeilen, denn manchmal „sehnst dich nach müdigkeit nach / nichts und kleiner lyrik“. Und Elke Laznia schreibt: „wir wollten einander aufheben Zeit schinden ohne Erinnern uns belügen verbrüdern gegen die alten Geschichten sie aus der Welt schaffen […] es gelingt uns nicht wir müssen andere Wege gehen aufgeben ach wir müssen uns verlieren“.

„Das Gedicht als Augenblick von Freiheit“ nannte Hilde Domin ihre Frankfurter Poetik-Vorlesungen. Vielleicht ist – gerade in Anbetracht der gegenwärtigen Verhältnisse – diese Freiheit gemeint: Jene des Sichverlierens und immer wieder neu Hoffens.

„Lyrik der Ggenwart“, herausgegeben von Erika Kronabitter, Edition Art Science, 202 Seiten

<p class="caption">Hartwig Mauritz erhielt den zweiten Preis. FotoS: TAS</p>

Hartwig Mauritz erhielt den zweiten Preis. FotoS: TAS

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