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Wie der Sand in der Sanduhr

von Ariane Grabher
Sabine Marte hat für die Galerie auch einige große Wandzeichnungen geschaffen. Foto: AG

Sabine Marte hat für die Galerie auch einige große Wandzeichnungen geschaffen. Foto: AG

Bei Lisi Hämmerle zeigt Sabine Marte Zeichnungen von handfest bis grotesk.

BREGENZ. Man kennt die seit langen Jahren in Wien lebende Vorarlbergerin Sabine Marte als Medienkünstlerin und als Musikerin, aus Videoinstallationen bzw. Filmen und performativen Auftritten. Dass sie auch leiser kann und zeichnet, wie sie nun in der Galerie Lisi Hämmerle kleinformatig auf Papier und in großem Maßstab an den Wänden zeigt, dürfte für viele neu und überraschend sein.

Körper und Raum

Mit der Hinwendung zur Zeichnung, als dem ursprünglichsten und unmittelbarsten Medium, betritt Sabine Marte nur zum Teil Neuland. Die Zeichnung ist kein weißer Fleck auf ihrer künstlerischen Landkarte, vielmehr eine Destination, die sie in den letzten 20 Jahren großräumig umschifft hat, nachdem sie nach einer intensiven Zeichenphase plötzlich wie „leer­gezeichnet“ (Marte) war, den Stift schlagartig aus der Hand gelegt und sich mit Haut und Haar der experimentellen Videokunst verschrieben hat. Es sei wie ein Geschenk, dass sie die Zeichnung, als ganz konkrete, manuelle Beschäftigung, im Gegensatz zu den kopflastigen Konzepten der Videokunst, 2014 wieder aus der Verbannung holen konnte, erzählt Sabine Marte. Und seither fließt es, zuerst noch mit grobem Stift, zuletzt immer feiner, aus der Künstlerin heraus. Wie in ihren Videos, und nicht weniger eindringlich, befasst sie sich mit dem Verhältnis von Raum, Körper, Strich und Form, als ein In-Bezug-setzen, das für die Künstlerin auch etwas Existenzielles hat. Auf kleinen und sehr kleinen Blättern Papier geht es um Körper, um angedeutete Übergriffe, um Körpersegmente, um zweigeteilte Körper und um Zwillingsfiguren, um Fragmentierungen und Verdoppelungen, um (häufig nicht definierbare) Geschlechtlichkeit, um filigrane Wesen, allein durch den Umriss gegeben, und um wuchtige, fest dem Boden verhaftete Gestalten, um Figuren, die aus einer Linie und in einem Strich durchgezogen sind.

Groteske Geschichten

Immer wieder setzt sich Sabine Marte auch mit den Themen Schönheit und Gewalt auseinander, wie in jener Zeichnung, in der eine zierliche Hand einen Körper wie schützend umfängt. Eine Geste, die im großen Format unweigerlich etwas Bedrohliches annimmt. Oder die Künstlerin behandelt groteske Geschichten, mit wenigen Strichen angerissen, angedeutete Gesten und eingefrorene Handlungen, lässt Körper wie Hüllen oder Gefäße erscheinen, die es mit Inhalt zu füllen gilt, lässt Hände ineinander greifen und Brüste umfassen. Die Nähe und Unmittelbarkeit, die für Sabine Marte das Medium Zeichnung ausmachen, mündet in Motive, die nicht nach Fotos oder Ausschnitten aus Magazinen entstehen, sondern aus dem Kopf heraus in die Hand fließen und umgesetzt werden. Direkt, ohne bereinigende Korrekturen. Der Strich muss sitzen. Nur so erzeugen die Zeichnungen, die Kleinode im künstlerischen Kosmos von Sabine Marte sind, auch beim Betrachter Unmittelbarkeit. Offene Formen evozieren eine gewisse Durchlässigkeit und lassen sich in alle Richtungen weiterdenken. „No beach. Just sand.“ Der Titel der Schau, der in der deutschen Version auch das jüngste Videostück von Sabine Marte überschreibt, versteht sich autonom. Als Wortschöpfung räumt er mit fixen Vorstellungen auf, lässt sie buchstäblich zerrinnen wie den Sand in der Sanduhr. Daran ändern auch die fünf großen Wandzeichnungen nichts, die Blowups von einer Auswahl der kleinformatigen Blätter sind und in ihrer Überdimensionalität und der Verschränkung mit dem Raum fast etwas Skulpturales bekommen.

Die Ausstellung ist in der Galerie Lisi Hämmerle, Anton-Schneider-Straße 4a, in Bregenz, bis 17.Dezember geöffnet, Mi bis Fr, 15 bis 19 Uhr, Sa, 16 bis 19 Uhr. 

Zur Person

Sabine Marte

Filmkünstlerin und Musikerin

Geboren: 1967 in Feldkirch

Ausbildung: Höhere Grafische BLVA, Hochschule für Angewandte Kunst

Laufbahn: zahlreiche Ausstellungen, Performances, Konzerte und Festivalteilnahmen

Auszeichnungen: u. a. Staatsstipendium für Video- und Medienkunst, Preis für innovatives Kino der Diagonale 2010

Wohnort: Wien

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