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Kunterbunt ist immer modern

von Christa Dietrich
Nathalie Thiede, Bo-Phyllis Strube und Luzian Hirzel in „Pippi Langstrumpf“ nach Astrid Lindgren am Vorarlberger Landestheater.  Foto: VN/Sams

Nathalie Thiede, Bo-Phyllis Strube und Luzian Hirzel in „Pippi Langstrumpf“ nach Astrid Lindgren am Vorarlberger Landestheater.  Foto: VN/Sams

Landestheater beschert mit „Pippi Langstrumpf“ 70 Minuten Unbeschwertheit.

Bregenz. Das Stück hat keine hehre Botschaft wie sie einige Märchen haben, es hat als Bearbeitung eines Buches für die Bühne nicht einmal eine stringente Handlung, „Pippi Langstrumpf“ hat allerdings eine bedeutungsvolle Geschichte. Als Astrid Lindgren ihr Buch auf den Markt brachte, befand sich Europa am Ende eines Krieges. Kinderliteratur beinhaltete nicht mehr nur Anleitungen zur Folgsamkeit, diverse Tugenden wurden dennoch unterstrichen. Bis das starke, schwedische Mädchen mit den roten Zöpfen, das zum Bedauern einiger der damaligen Pädagogen einen eigenen Kopf hat, im deutschsprachigen Raum einzog, hatte es noch etwas gedauert, so richtig durchgesetzt haben sich die alsbald von einer Verfilmung begleiteten Buchausgaben in den 1960er- und 1970er-Jahren.

Kinder und vor allem Mädchen stark zu machen, war willkommen. Angesichts des nach wie vor hohen Bekanntheitsgrades der Figur samt ihrer Entourage, bestehend aus einem Pferd und einem Affen, lässt sich sagen, dass die Farbe Kunterbunt wohl stets modern ist. Im Sinne des Pluralismus und der Unangepasstheit ist die Wahl von „Pippi Langstrumpf“ als große Kindertheaterproduktion eines Landestheaters absolut begrüßenswert. Eine einfache Nummer ist die Geschichte allerdings nicht. Vor vielen Jahren wurde bereits einmal ein Versuch gestartet, man ließ Pippi aus aufgeschlagenen Buchseiten purzeln und konnte hernach kaum verhindern, dass sie sich auf der Bühne verlor.

Nichts verulkt

Dieses Mal wurde die an verschiedenen deutschen Bühnen tätige Regisseurin Milena Paulovics erstmals nach Bregenz geholt. Mit der bislang ebenfalls in Deutschland arbeitenden Ausstatterin Pascale Arndtz bleibt sie nah an den Bildern, die die meisten Buchausgaben bzw. Illustrationen vermitteln. Eine dreh- und bekletterbare Villa Kunterbunt bietet die Kulisse, drinnen haust das allseits bekannte, gepunktete Pferd, das Äffchen ist ein Plüschtier, mit ein paar Requisiten wie einer Badewanne, Lampions, der im Nebel auftauchenden Hoppetosse, einem Fahrrad und einem alten Taucherhelm (!) werden die Episoden durchgespielt. Verulkt oder gar verniedlicht wird nichts, die meiste Arbeit, nämlich ungemein anziehend und präsent zu wirken, bleibt allein an den Darstellern hängen und die leisten Enormes. Bo-Phyllis Strube ist nicht nur musikalisch absolut geeicht. Sie offeriert den Titelsong mit allen seinen Feinheiten ohne ihn zu verhudeln und findet sofort in ein plausibles Spiel. In ihrer Pippi begegnet uns nicht nur ein unbekümmertes oder aufmüpfiges Mädchen, sondern ein Kind, das seinen Weg sucht, das die Verhältnisse nicht so akzeptieren will, wie sie sind, aber auch nicht einfach alles ablehnt. Den Reaktionen zufolge hat sie das junge Publikum am gestrigen Premierennachmittag am Bregenzer Kornmarkt rasch ins Herz geschlossen, und die Großen waren wohl gleich bei ihr, weil das Gefühl der Unbeschwertheit, das die Künstlerin, unterstützt von ihren Schauspielerkollegen Nathalie Thiede (Annika) und Luzian Hirzel (Tommy) vermittelt, letztlich ein willkommenes Geschenk ist.

Eine gute Portion Frechheit sowie luftigen Witz bringen die Polizisten, die Ganoven, die Lehrerin, Seemänner oder die Damen (Kristine Walther, David Kopp, Lukas Kietzler und Anwar Kashlan agieren in mehreren Rollen) mit so mancher schnoddrigen Äußerung ein. Überhöhungs- und Verfremdungselemente samt einem an sich nicht dazu gehörenden Tier werden pointiert gesetzt. Die Musik, arrangiert von Ivo Bonev, ist treffend. Man hätte sich auch ein Live-Ensemble vorstellen können, behält die Melodie aber auch so gerne im Kopf. Gerade weil sie kein banaler Ohrwurm, sondern, wie erneut erfahren, wunderbar vielschichtig ist.

Nächste Aufführung am
30. November im Bregenzer Kornmarkttheater und zahlreiche weitere: www.landestheater.org

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