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VN-Interview. Der österreichische Schriftsteller Raoul Schrott (52) schreibt und spricht über die Entstehung der Welt

Weit grandioser als jede Idee Gottes

von Christa Dietrich
Raoul Schrott in der Atacama-Wüste, in der eines der weltgrößten Teleskope in Bau ist.  Foto: Tifernin Schrott

Raoul Schrott in der Atacama-Wüste, in der eines der weltgrößten Teleskope in Bau ist. Foto: Tifernin Schrott

Nur die erste Millisekunde des Big Bangs ist spekulativ und das Ende ist absehbar.

Dornbirn, Egg. Nicht weniger als die Entstehung des Universums schildert der österreichische Autor Raoul Schrott in „Erste Erde. Epos“, einem über 800 Seiten starken, poetischen Werk. Lebensspuren, die über 3,5 Milliarden Jahre zurückreichen, hat er in siebenjähriger Arbeit, auf zahlreichen Reisen, in Gesprächen mit Wissenschaftlern erkundet und mit Lebensgeschichten seiner Figuren verbunden. Was die vielen Erkenntnisse betrifft, die er während der sozusagen „schönsten Zeit seines Lebens“ gewann, so ist er, wie er im Gespräch bemerkt, immer noch „am Verdauen“.

Woher wir kommen und woraus wir entstanden sind, das lässt sich also wissenschaftlich ableiten.

Schrott: Ja, und erstaunlicherweise fast lückenlos. Nur die erste Millisekunde des Big Bangs bleibt weiterhin spekulativ. Von den ersten Atomen des Urknalls über die Entstehung der chemischen Elemente in Sonnen bis zum Ursprung des Lebens lässt sich inzwischen eine klare rote Linie legen: Sogar die Stoffwechselprozesse, die für die Entstehung des Lebens notwendig sein, kennt man – wenngleich man es selbst noch nicht erzeugen kann. Noch nicht.

Haben Sie auch erkannt, wie die Menschen Empathiefähigkeit erworben haben?

Schrott: Wir haben sie weniger erworben, denn von den Primaten übernommen, als wir uns von ihnen vor sieben Millionen Jahren abgespaltet haben. Wir sind soziale Tiere wie die Schimpansen auch, von denen uns nur 1 Prozent der Gene unterscheiden. Nur die Kooperation der Gruppe hat uns als körperlich schwaches Säugetier überleben lassen. Deshalb hat sich bei uns die Empathiefähigkeit noch besser ausgeprägt. Das Weiße um unsere Augen ist ein Beispiel dafür: Dadurch erkennen wir nun besser, wohin jemand schaut, um davon ableiten zu können, was er vorhat.

Es gibt Schöpfungsmythen, die wir wie Fantasy-Geschichten lesen oder gegebenenfalls psychologisch und philosophisch durchleuchten können, es gibt die Genesis, die wohl eher überholt ist, und auf der anderen Seite wissen wir in großem Detailreichtum um unsere Evolutionsgeschichte. Welche Beweggründe waren ausschlaggebend für Ihre Arbeit?

Schrott: Schöpfungsmythen sind Ausdruck eines vorwissenschaftlichen Denkens. Die biblische Genesis ist die Setzung eines Glaubens, der sich mangels Wissen die Welt erklärt, wie er sie gerne hätte. Mythen wie Genesis beharren auf dem menschlichen Blick auf die Welt. Die Wissenschaft hingegen – und das macht ihren Erfolg aus – klammert die menschliche Komponente möglichst aus. Das hat in den letzten Jahrhunderten zu einer Fülle von Erkenntnissen geführt, wie die Welt funktioniert. Darüber wollte ich einen Überblick gewinnen, den es so erstaunlicherweise kaum gibt. Und dann wollte ich fragen, was das jeweilige Wissen für uns bedeutet, hier und jetzt in einem Leben. Das beantworten kann die Literatur. Was heißt es, dass sämtliche Elemente unseres Körpers bereits mehrmals in Sonnen explodiert sind?

Sie haben sozusagen einige Milliarden Jahre Erdgeschichte durchgeackert. Waren Sie irgendwann einmal an einem Punkt, an dem Sie dachten, das schaffe ich nicht mehr? Wenn ja, was hat Sie weiter motiviert?

Schrott: Nach vier Jahren Arbeit hat sich bei mir erstmals das Leben auch zu bewegen begonnen. Die Fülle von Lebensformen, die sich dann herausbildeten, war dann so groß, dass ich dachte, da brauche noch zehn Jahre, um mir das alles zu erschreiben. Bis ich einen Weg durch die Evolutionsgeschichte fand, indem ich sie anhand unseres Körpers schildere. Was wir von den Schwämmen und was von den Lungenfischen haben. Nicht um als Krone der Schöpfung hervorzugehen – wir sind nur eine ihrer vielen vorübergehenden Abzweigungen – sondern um zu erkennen, wie viel scheinbar Fremdes in uns steckt, das uns doch wesentlich ausmacht. Das Menschliche an uns ist nur eine hauchdünne Schicht, die wir beständig überbewerten.

Abgesehen davon, dass so etwas wie der Urknall unsere Vorstellungskraft übersteigt, stellt sich die Frage, wie groß der Bereich ist, der wissenschaftlich absolut nicht beweisbar ist. Haben Sie eine Antwort gefunden?

Schrott: Mit jeder Entdeckung der Astrophysik – so Stephen Hawking – wird der Platz für Gott kleiner. Mit freiem Auge sichtbar ist er schon jetzt nicht mehr. Dennoch sind sich die Wissenschaftler klar bewusst, dass sie nie auf den letzten Grund aller Dinge stoßen werden. Dass alles, was sie schaffen, bloss Annäherungen an die Tiefe der Wirklichkeit ist. Das Unauslotbare können Sie gerne „Gott“ nennen – es wird immer unsere Sinne übersteigen. Es wird aber auch mit der Vorstellung eines biblischen Gottes nicht das Geringste mehr zu tun haben. Das Weltall in seiner Immensität und Leere und Gleichgültigkeit, in seiner Rätselhaftigkeit und Vielfalt und Überraschung ist – für mich zumindest – weitaus grandioser als jede Idee Gottes.

Ist das Ende unseres Planeten nun eigentlich absehbar?

Schrott: In 500 Millionen Jahren wird der Erdkern erkalten, die Plattentektonik aufhören, die Erosion die Gebirge abtragen und der Ozean die Kontinente überfluten. In einer Milliarde Jahren wird die Sonne zehn Prozent heller als heute sein, die Durchschnittstemperatur 47 Grad betragen und der Ozean zu verdampfen beginnen. Es werden nur mehr Mikroben überleben. In 1,5 Milliarden Jahren wird der Mond so weit weg gewandert sein, dass die Erdachse ganz kippen wird. In zwei Milliarden Jahren wird es selbst an den Polen zu heiß für Leben, und Mikroben werden nur mehr im Untergrund leben. In drei Milliarden Jahren werden die Temperaturen weiter exponentiell steigen und die Erde wird völlig leblos, steril wie am Anfang. In vier Milliarden Jahren wird die Hitze Fels zu schmelzen beginnen. In 7,5 Milliarden Jahren wird die Sonne sich zum Riesen aufblähen und Erde und Mond verschlingen.

„Erste Erde. Epos“ von Raoul Schrott, Verlag Hanser. Gespräch mit Raoul Schrott in der „inatura“ in Dornbirn, 29. November, 19 Uhr. 

Zur Person

Raoul Schrott

Geboren: 1964 in Landeck, wohnhaft im Bregenzerwald

Ausbildung: Studium Germanistik, Anglistik und Amerikanistik in Innsbruck, weitere Studien an der Sorbonne in Paris und in Berlin

Tätigkeit: Schriftsteller, Uni-Dozent

Werke: „Gilgamesh Epos“, „Das Geschlecht der Engel“, „Homers Heimat. Der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe“, „Erste Erde. Epos“ etc.

Auszeichnungen: Joseph-Breitbach-Preis u. v. a.

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