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Kommentar

Monika Helfer

Herzinfarkt

Bis zu seinem fünfzigsten Lebensjahr war der Mann nie krank gewesen und hatte im Spital nur Krankenbesuche gemacht. Er arbeitete viel, Sport war kein Thema, er aß, was ihm schmeckte und rauchte.

Als er im Winter durch den einsamen Park spazierte (sein Auto war in der Werkstatt) überfiel ihn eine Panik, die Brust verengte sich, es brannte, er hatte ein Gefühl, als steige ein Hundertkilomann auf seine Brust. Angstschweiß stand ihm auf der Stirn, seine Haut fühlte sich kalt an. Ein Herzinfarkt. Der Mann lag auf dem Kiesweg, und zum Glück schickte ihm sein Schutzengel eine Frau vorbei, die sofort die Rettung rief.

Die Frau zog ihn an den Beinen bis zu einer Parkbank, dort lehnte sie den Mann mit dem Rücken an die Sitzfläche. „Tief atmen, tief atmen, gleich kommt die Rettung“, sagte sie, wusste aber nicht, ob er es hörte. Auch versuchte sie ihn zu beruhigen, indem sie sanft an seinem Arm entlangstrich. Sie war so aufgeregt und hatte Angst, etwas falsch zu machen. Hätte sie den Mann in eine Seitenlage bringen sollen?

Die Rettung kam.

Die Ehefrau des Mannes wurde erst angerufen, als er schon operiert worden war, das Handy fiel ihr aus der Hand, und sie fiel auf den Teppich.

So hatte sie ihn noch nie gesehen. Er lag sehr blass in seinem Krankenhausbett, er, der immer so energiegeladen gewirkt hatte. Er wollte sich aufrichten und schaffte es nicht.

„Ganz ruhig, ganz ruhig“, sagte seine Frau. „Wir werden das Leben ändern.“ Sie sprach in der Mehrzahl, damit er sich nicht so allein fühlte. Sie würden beide das Rauchen aufgeben, beide zum Joggen anfangen. „Ich werde nur mehr gesund kochen“, sagte sie, „weißt du“, und sie nahm seine beiden Hände in die ihren, „weißt du, man kann aus Gemüse so viele schmackhafte Sachen zubereiten.“

Aber erst einmal kam ihr Mann in die Reha.

Dann wieder zu Hause, abgemagert und gealtert vom Schock, wollte er sich gleich wieder am Schopf packen und nicht aufgeben.

„Langsam, langsam“, sagte seine Frau. Sie schämte sich für ihr Gefühl, dass sie beinahe glücklich war, denn so wie er sich jetzt fühlte, brauchte er sie, und das war sonst niemals der Fall gewesen.

Nach dem Frühstück legte er sein Tablettensortiment wie ein Muster um den Teller, Miniaspirin, Betablocker, Blutdrucksenker, Statin. „Wo sind die Beipackzettel?“, fragte er.

Die Frau besorgte Joggingbekleidung, und sie dachten sich eine gute Strecke aus. Er wollte allein joggen, erst langsam, dann die Geschwindigkeit steigern. Als er das erste Mal losging, sah die Frau auf die Uhr und erwartete ihn mit Sorge.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

Sie würden beide das Rauchen aufgeben, beide zum Joggen anfangen.

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