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Sozialhilfe für fast 3400 Kinder

von Michael Prock

Kinderarmut gibt es auch in Vorarlberg. Mit gravierenden Folgen, erklärt die Expertin.

Dornbirn. „Dein Ausweis ist abgelaufen. Ein neuer samt Passfoto hat den Gegenwert von 20 Kilo Nudeln und 16 Litern passierten Tomaten.“ Oder: „Du hörst, Geld ist nicht alles. Deine Realität lacht dich aus.“ Oder: „Sommer ist günstiger als Winter.“ Für 3388 Kinder und Jugendliche in Vorarlberg sind diese Gedanken Realität. Von 8621 Vorarlbergern, die im September 2016 Leistungen aus der Mindestsicherung bezogen, sind 3388 17 Jahre oder jünger. Im Jahr 2015 erhielten insgesamt 4854 Kinder und Jugendliche irgendwann Leistungen aus der Mindestsicherung – also Lebensunterhalt, Wohnbedarf oder Einmalleistungen. Mehr als 4000 dieser Kinder waren nicht älter als 13 Jahre. Die Folgen der Kinderarmut können verheerend sein, wie Michaela Moser im Gespräch mit den VN schildert.

Michaela Moser ist Expertin für Jugendarmut an der FH St. Pölten. Sie war am Dienstag bei den Gender-Impulstagen in Dornbirn zu Gast und referierte über Folgen und Ursachen von Kinder- und Jugendarmut. Armut gehe oft mit schlechten Verhältnissen zu Hause einher, führt die Expertin aus: „Die Jugendlichen haben oft kein eigenes Zimmer, können nicht normal heizen.“ Im vergangenen Jahr haben fast 13.700 Vorarlberger den Heizkostenzuschuss erhalten. 3,5 Millionen Euro kostete alleine diese Förderung.

Mobbing in der Schule

„Zudem müssen beide Eltern arbeiten, es fehlt also Unterstützung für die Schule“, erklärt Moser. In der Schule selbst habe Armut ebenfalls Auswirkungen. Einerseits hätten betroffene Kinder Probleme, an gewissen Ausflügen teilzunehmen. Das könne zu Hänseleien, bis hin zu Mobbing führen. Zudem zeigen Studien, dass Kinder aus ärmlichen Verhältnissen anders bewertet werden. „Das geschieht unbewusst. Diesen Kindern wird weniger zugetraut“, hält Moser fest. Was sich wiederum auf die berufliche Laufbahn auswirke. Die Sozialraumstudie in Bregenz ergab, dass 200 Jugendliche nach der Pflichtschule keine weiterführende Schule oder Lehre angefangen haben.

Auch die gesundheitlichen Folgen solle man nicht unterschätzen, sagt Moser: „Österreich hat zwar ein gutes Gesundheitssystem. Aber etwa bei Zahnspangen geht es gleich ins Geld.“ Was kaum diskutiert werde, sei die fehlende Welterfahrung, wie es Moser nennt. „Kinder von gut situierten Eltern reisen schon mit elf Jahren nach London. Sie gehen ins Kino oder in Museen, am Tisch wird über Politik gesprochen. Das ist für die weitere Berufslaufbahn ein immenser Startvorteil.“

Zwar haben 3388 Kinder und Jugendliche die Mindestsicherung erhalten, von Armut betroffen sind aber weitaus mehr, wie Soziallandesrätin Katharina Wiesflecker (Grüne) erläutert: „Mindestsicherungsbeziehende sind nur ein Teil der armutsgefährdeten Gruppe.“ Michael Diettrich von der Armutskonferenz errechnet über das Referenzbudget 15.800 Armutsgefährdete, die höchstens 19 Jahre alt sind. Das Referenzbudget wird anhand von Ausgaben fesgelegt, die ein Haushaltstyp zum Leben benötig. Laut Moser ist selbst die Anzahl der Mindestsicherungsbezieher der unterste Wert. Gerade in kleineren Gemeinden würde sich nicht jeder trauen, um Sozialhilfe anzusuchen: „Das hat viel mit Scham zu tun.“ Es gibt Schätzungen, die vom doppelten Wert ausgehen.

Braucht Investitionen

Armut lässt sich aber nicht verstecken. „Kinder bekommen mit, wenn der Vater durch Arbeitslosigkeit depressiver wird. Sie bekommen mit, wenn die Mutter beim Einkaufen jeden Cent umdrehen muss“, erzählt Michaela Moser. Sie kritisiert, dass derzeit überall übers Sparen gesprochen werde: „Wer Geld für Kinder in die Hand nimmt, muss das als Investition sehen, nicht als Ausgaben. Wir brauchen bessere Kinderbetreuung und die gemeinsame Schule.“ Damit sich Kinder nicht Gedanken wie diese machen müssen: „Angst vor der Frage, ob du am Wochenende mitkommst auf die Piste. Lustlosigkeit vorgetäuscht. Seltener gefragt werden.“

<p class="caption">Expertin Michaela Moser im VN-Gespräch: Armut hat besonders für Kinder und Jugendliche verheerende Folgen. Foto: VN/Steurer</p>

Expertin Michaela Moser im VN-Gespräch: Armut hat besonders für
Kinder und Jugendliche verheerende Folgen. Foto: VN/Steurer

Kinder bekommen die Armut im eigenen Zuhause voll mit.

Michaela Moser
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