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Kommentar

Monika Helfer

Gegenseitige Verzweiflung

Stellen Sie sich einen 180 kg schweren Mann vor. Er sitzt in seinem Antiquitätengeschäft und wartet auf Kundschaft. Sein Körper scheint wie eine zerfließende Masse. Er ist verzweifelt, er denkt: Kann man einen, der so ist wie ich, lieb haben?

Er beschließt, sich eine Frau zu kaufen. Eine aus der anderen, der dritten Welt, eine, die froh sein wird, versorgt zu werden. Sie kann ihrer Familie jeden Monat Geld schicken. Das, was sie jetzt tut, ist verlässliche Prostitution. Der Mann, der sie geheiratet hat, ist zart mit ihr, sie sagt Liebkosungen in ihrer fremden Sprache. So lange sie noch kein Wort Deutsch kann, ist das in Ordnung. Sie hofft, dass dieser schwere Mann nie auf ihr liegen wird, denn dann würde sie sterben. Sie wohnt in einer hübschen Wohnung in dieser wunderschönen Stadt. Sie kann Geld nehmen, so viel sie will. Sie hat sein Konto zur Verfügung. Er überprüft sie nicht. Er weiß, sie ist anständig und sparsam und würde ihn niemals hintergehen. Kauft sie sich einmal eine Kette, dann hat sie nicht viel gekostet und sieht trotzdem wertvoll aus. Sie reinigt seine Wohnung, putzt seine Schuhe, bügelt seine Hemden, die groß sind wie Leintücher, sie dämpft seine Hosen, die breit sind wie ein Privatweg.

Oft träumt sie, ihr Ehemann sei jung und nicht fettleibig. Ihr Mann ist Ende fünfzig, sie denkt, dass er nicht mehr lange leben wird, sollte er so weitermachen, und es sieht gar nicht aus, als würde er nicht so weitermachen, so viel essen, so viel trinken und dazu noch rauchen. Sie kauft ein und packt die Waren in einen rollenden Einkaufswagen, das alles könnte sie nicht nach Hause tragen. Jeden Tag kocht sie Unmengen, ihre ganze Familie würde nicht so viel essen, und das sind immerhin acht Leute.

Selten unternehmen die beiden Spaziergänge, er hält sich an seinem Rollator fest, sie geht neben ihm, und er freut sich, weil sie so schön ist. Eine reizende Frau, zart wie das Figürchen auf seinem Fernsehapparat. Er liebt sie wirklich, weil sie ihm Zuneigung schenkt, und sei es auch nur aus Dankbarkeit. Wenn er gestorben sein wird, wird sie alles von ihm erben, er hat ihr gezeigt, wie groß sein Vermögen ist, und Zahlen kann sie lesen.

Dann wird sie ihre große Familie zu sich nach Österreich einladen, sie vortrefflich bewirten. Sie könnte sich überlegen, ob sie ihre Schwestern, die sich jetzt für Geld auf der Straße verkaufen, bei sich anstellen würde, ganz schwesterlich, für die Besorgung des Hauses, das sie sich dann bauen würde.

Ihre Eltern wären ihr zu Dank verpflichtet, und was gäbe es Schöneres, als die Verhältnisse dann umgekehrt genießen zu können. Sie würden sich vor ihr verbeugen, und alle wären glücklich.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

Er ist verzweifelt, er denkt: Kann man einen, der so ist wie ich, lieb haben?

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