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VN-Interview. Michael Rauch (56) über Kinderrechte und die Wirklichkeit

Geforderte Gesellschaft

von Marlies Mohr
Michael Rauch zieht eine gemischte Bilanz. Foto: VN/paulitsch

Michael Rauch zieht eine gemischte Bilanz. Foto: VN/paulitsch

Kinderrechte müssen im Kleinen und dann in der Breite umgesetzt werden.

feldkirch. (VN-mm) Morgen, Sonntag, ist Tag der Kinderrechte. Hätte Kinder- und Jugendanwalt Michael Rauch dazu einen Wunsch frei, wäre es die Gleichbehandlung für alle Kinder.

Österreich hat die UN-Kinderrechtskonvention 1992 ratifiziert. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Rauch: Meine Bilanz ist eine gemischte. Es gibt sehr viele positive Dinge in Vorarlberg, aber wir sind auch mit besonderen Herausforderungen konfrontiert, gerade was jugendliche Flüchtlinge angeht. Um eine aktuelle Zahl zu nennen: Im vergangenen Jahr sind allein in Österreich 23.000 unter 18-Jährige eingetroffen und zusätzlich noch fast 9000 Kinder und Jugendliche ohne Begleitung. Das sind über 30.000 Kinder, die in einem Jahr ins Land gekommen sind, wobei bei einem Drittel die Kinder- und Jugendhilfe die Obsorge zu übernehmen hatte.

Dieses Thema wird uns vermutlich noch länger begleiten . . .

Rauch: Ja, und es ist nicht sicher, ob wir nicht noch einmal in einer ähnlichen Dimension damit konfrontiert werden. Die Herausforderungen sind zum einen die vielen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. Das heißt, die Kinder- und Jugendhilfe hat die gesetzliche Verpflichtung, diese Kinder gut und vor allem gleich zu betreuen, was bisher nicht möglich war, weil einfach die Anzahl so enorm hoch ist. Zum Vergleich: Wir haben in Österreich etwa 11.000 Kinder, die außerhalb der Familie aufwachsen, und jetzt sind 6000 bis 7000 in einem Jahr dazugekommen. Das würde jedes andere System auch überfordern. Tatsache ist jedoch, dass diese Jugendlichen nicht so behandelt werden wie österreichische Kinder, und es hängt vom Status ab, ob sie bestimmte Leistungen erhalten. Integrationshilfe, Zugang zum Arbeitsmarkt: Sie sind von manchen Dingen einfach ausgeschlossen.

Es sind auch Patenfamilien für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kaum zu finden. Woran kann das liegen? Steckt vielleicht Angst dahinter?

Rauch: Die Stimmung war schon besser und die Bereitschaft schon größer. Es besteht eine gewisse Ermüdung, kombiniert mit einer gewissen Überforderung. Und wir haben nicht in dem Ausmaß Pflegefamilien. Auch für andere Kinder sind Pflegefamilien rar. Aber mein Appell ist, dass sich mehr Personen melden, weil es eine ideale Form der Betreuung für diese jungen Menschen wäre.

Wie sind Sie mit der schulischen Eingliederung zufrieden?

Rauch: Es ist in einer großen Aktion gelungen, Schulplätze für wirklich alle Kinder zu schaffen. Wünschenswert wäre es, wenn unterstützende Systeme für die Lehrpersonen noch ausgebaut würden, weil die Anforderungen enorm sind. Wenn die Schulpflicht erledigt ist, sind die Angebote allerdings sehr gering. Es gibt auch hier klare Benachteiligungen. Aus unserer Sicht stellt das einen Verstoß gegen die Kinderrechtskonvention im Sinne der Gleichbehandlung dar.

Am Montag wird der Kinderrechtepreis vergeben. Was hat er bewirkt?

Rauch: Was wir da sichtbar machen können, sind die positiven Beispiele.

Es gibt auch eine neue Broschüre für Personen, die mit Kindern zu tun haben. Braucht es das noch?

Rauch: Leider ja, besonders, wenn es um das Thema Gewalt geht. Wir sind zwar Vorreiter gewesen bei den gesetzlichen Verpflichtungen. Anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums haben wir aber noch einmal die Einstellung der Österreicher abgefragt. Die gesunde Watsche ist immer noch akzeptiert, sie wird auch immer noch praktiziert. Es gibt Formen von körperlicher, sexueller und psychischer Gewalt an Kindern. Da müssen alle, die mit Kindern zu tun haben, ihre Mitteilungspflicht sensibilisieren und wir ihnen einen Leitfaden an die Hand geben, wie sie im konkreten Verdachtsfall zu agieren haben.

Sind Gewaltdelikte an Kindern nicht ein bisschen aus der Öffentlichkeit verschwunden?

Rauch: Diese Wahrnehmung ist richtig. Das Thema war im Zuge des gewaltsamen Todes eines Kindes in Bregenz sehr lange aktuell, aber wir kämpfen nach wie vor um eine gute Struktur im Land. Da ist auch die Politik noch gefordert, das so zu organisieren, dass regelmäßige koordinierte und breite Bewusstseinsbildung sowie Öffentlichkeitsarbeit passiert. Das soll im kommenden Jahr neu aufgestellt werden.

Wie sieht es mit der Courage innerhalb der Bevölkerung aus?

Rauch: Mit der sind wir sehr zufrieden. Bei körperlicher Gewalt ist das Bewusstsein hoch, bei seelischer Gewalt, sei es Mobbing oder Ähnliches, braucht es noch deutlich mehr. Das sagen im Übrigen auch die Kinder selbst.

Wo sehen Sie Österreich bei der Einhaltung der Kinderrechte?

Rauch: Solche Rankings sind immer schwierig, aber wir sind sicher nicht Schlusslicht, bei den Beteiligungsrechten und auf der gesetzlichen Ebene sogar ziemlich gut unterwegs. Aber meine zentrale Aussage ist: Kinderrechte sind so gut umgesetzt, wie sie in Familien umgesetzt werden. Zu allererst sind es die Eltern, dann schrittweise Kindergarten, Schule und schließlich die gesamte Gesellschaft.

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