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Zwischen zwei Welten

Gürkan Altmisdört aus Hard wuchs mit zwei Kulturen auf.

Gürkan Altmisdört aus Hard wuchs mit zwei Kulturen auf.

Über die schwierige Suche eines Gastarbeiterkindes nach seiner Identität.

Hard. (VN-kum) Seine Eltern stammen aus einem Ort nahe Istanbul. Sie kamen in den 70er-Jahren als Gastarbeiter nach Vorarlberg. Gürkan Altmisdört wurde 1977 in Hard geboren. Seine Eltern waren der deutschen Sprache nicht mächtig. In der Familie wurde nur Türkisch gesprochen. Als Gürkan in den Kindergarten kam, wunderte er sich, warum die anderen Kinder ihn nicht verstanden. „Ich war mir nicht bewusst, dass ich in einem Land war, in dem man Deutsch spricht.“ Das Kind zog daraus den Schluss, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmt. „Ich zog mich zurück und versteckte mich in mir selbst.“ Gürkan erinnert sich, dass er damals oft in die Hose machte. „Ich konnte mich ja nicht verständlich machen.“

Distanz gespürt

In der Schule wurde ihm bewusst, dass er anders war. Es gab eine Schlüsselszene. „Ich wollte mit zwei Mitschülern spielen. Einer von ihnen bellte mich an: ,Hau ab Sch… Türke.‘ Am Abend fragte Gürkan seinen Vater, was ein Türke ist. „Er sagte zu mir, dass wir hier nicht zu Hause und nur Gäste sind.“ Der Sohn verstand: „Ich gehöre nicht hierher.“ Das Kind folgerte daraus, dass sein Zuhause woanders sein musste. Aber wo? In der Folge wurde der Bub noch verschlossener, auch weil er die Distanz zwischen sich und den anderen Schülern spürte. Mit 10 machte Gürkan mit seiner Familie zum ersten Mal Urlaub in der Türkei. „Mein Vater sagte: ,Wir fahren nach Hause.‘ Ich freute mich wahnsinnig, dorthin zu fahren, wo ich hingehöre.“ In der Türkei ging Gürkan das Herz auf. „Alle sprachen meine Sprache.“ Aber nach einer Woche bekam der Bub Heimweh. „Mir fehlte mein Zuhause, mir fehlte Hard.“

Als er mit türkischen Kindern spielen wollte, schlossen ihn diese mit den Worten aus: „Du bist ein Fremder und gehörst nicht zu uns.“ Das verkraftete Gürkan nur schwer. Jahre vergingen, aber das Gefühl der Heimatlosigkeit blieb. Als Jugendlicher träumte er davon, Kfz-Mechaniker zu werden. Hoffnungsfroh suchte er nach einer Lehrstelle. Aber es hagelte nur Absagen. „Bei drei Betrieben gab man mir offen zu verstehen, dass sie keinen türkischen Lehrling wollen.“ Nachsatz: „Es blieb mir nichts anderes übrig, als beim Chef meines Vaters als Hilfsarbeiter zu arbeiten.“ Sein Abteilungsleiter ermutigte ihn, eine Lehre zum Kunststofftechniker zu machen. Lächelnd erinnert sich der türkischstämmige Vorarlberger an ein Erlebnis in der Berufsschule in Oberösterreich. Damals beschimpfte ihn ein Wiener Mitschüler als „Sch… Gsiberger“. „Es taugte mir, dass ich als Vorarlberger anerkannt wurde. Ich war so glücklich darüber, dass ich ihm eine Limo spendierte.“

Vermittler für andere

Gürkan arbeitete sich im Betrieb hoch. Er kündigte, als er an seinem Arbeitsplatz Zettel mit hämischen Sprüchen über Türken an den Wänden entdeckte und sein Chef diesbezüglich nur meinte: „Da ist doch nichts dabei. Wenn es dir nicht passt, kannst du ja dorthin gehen, wo du hergekommen bist.“ Auch später in seinem Leben, als der Werkzeugtechniker für sich und seine Familie eine Wohnung suchte, musste er erfahren, dass es Türkischstämmige nicht leicht haben in Österreich. „Am Telefon war noch alles perfekt. Aber als ich mich vorstellte, hieß es: ,Ich bin ja nicht ausländerfeindlich, aber …‘“ Doch all seine Erfahrungen haben ihn zu dem gemacht, der er heute ist: Ein sensibler Mensch mit viel Empathie, der in seiner Freizeit Gedichte schreibt und der als Vermittler gefragt ist, wenn es Konflikte zwischen Türken und Österreichern gibt. Gürkan, der mit beiden Kulturen aufwuchs, kann sich in beide Seiten einfühlen. „Weil es auf der einen Seite Vorurteile und auf der anderen Seite Sturköpfe gibt, gelingt es mir aber leider nicht immer, den Konflikt aus der Welt zu schaffen.“

Zweisprachiges Aufwachsen

Er selbst fühlt sich weder als Türke noch als Österreicher. „Ich bin eine Mischung aus beiden.“ Er und seine Generation hätten eine eigene Kultur und Lebensweise entwickelt. „Das wurde noch gar nicht richtig wahrgenommen von der Gesellschaft.“ Heimatlos fühlt er sich heute nicht mehr. „Aber ich habe lange unter diesem Gefühl gelitten.“ Seinen drei Kindern gibt er die Erfahrungen seines Lebens mit. Weil er weiß, dass die Sprache die Voraussetzung für engere Kontakte ist, legt er Wert darauf, dass seine zwei Töchter und sein Sohn zweisprachig aufwachsen. Es freut ihn und stimmt ihn froh, dass seine Kinder bislang keinen Diskriminierungen ausgesetzt waren und sie auch sehr viele österreichische Freunde haben.

<p class="caption">Als Kind wusste Gürkan nicht, wo sein Zuhause ist.</p>

Als Kind wusste Gürkan nicht, wo sein Zuhause ist.

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