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Alt und lebenssatt, aber voller Pläne

Der Dornbirner Rudolf Seewald hat mit fast hundert Jahren noch ein Buch über die großen Fragen der Menschheit geschrieben.  Foto: VN/Paulitsch

Der Dornbirner Rudolf Seewald hat mit fast hundert Jahren noch ein Buch über die großen Fragen der Menschheit geschrieben. Foto: VN/Paulitsch

Rudolf Seewald wird am 1. Dezember 100 Jahre alt. Morgen stellt er sein neues Buch vor.

Dornbirn. (VN-kum). Wie jeden Morgen sitzt Rudolf Seewald am Lesegerät und liest aufmerksam die Zeitung. Sein Geist ist trotz seines greisenhaften Alters noch sehr wach und rege; vielleicht liegt das daran, dass Seewald seit seiner Pensionierung im Jahre 1986 Bücher schreibt. Sein neuntes Buch stellt er morgen im Kulturhaus in Dornbirn vor (ab 19.30 Uhr). Es handelt von den großen Fragen der Menschheit: Woher komme ich? Warum bin ich hier? Wohin gehe ich? „Ich habe versucht, die Fragen notdürftig zu beantworten. Aber eigentlich gibt es auf diese Fragen keine Antworten. Der Verstand gerät hierbei an seine Grenzen“, meint der pensionierte Rechtsanwalt, der auch schon Bücher über Buddha und Jesus Christus sowie über seine langjährige Tätigkeit als Rechtsanwalt und seine Erlebnisse im Krieg herausgebracht hat.

Immer vernünftig gelebt

Bis vor wenigen Wochen führte der knapp Hundertjährige, der nach eigenen Angaben immer vernünftig gelebt hat und viel in die Berge gegangen ist, ein völlig selbstständiges Leben. Er wohnte allein, ging jeden Tag ins Gasthaus essen und machte, wenn er nicht gerade an seinem Buch schrieb, Wanderungen. Ein Unfall mit dem Fahrrad raubte ihm seine Selbstständigkeit. „Ich habe mir den Arm gebrochen und eine Gehirnerschütterung zugezogen.“ Seither braucht er im Alltag Hilfe. Deshalb lebt jetzt eine Pflegerin aus Rumänien bei ihm. „Frau Paula“, wie er sie nennt, ist ihm beim Anziehen behilflich und schaut darauf, dass es ihm gut geht und an nichts fehlt. „Seit mir die Freiheit genommen wurde, bin ich des Lebens überdrüssig“, macht er keinen Hehl daraus, dass ihm der Verlust der Selbstständigkeit hart zusetzt. Todessehnsucht kannte er bis dahin nicht. „Aber jetzt möchte ich bald sterben.“ Er selbst wollte gar nicht so alt werden. „Das war nie mein Plan.“ Aber er ist dem Leben dankbar dafür, dass er gesund alt werden durfte. „Überhaupt habe ich allen Grund, dankbar zu sein. Ich hatte ein erfülltes Leben und war erfolgreich.“

Gute Karten gezogen

Seewald zog in der Lotterie des Lebens gute Karten. Er wurde 1916 in eine begüterte Familie geboren. Sein Vater besaß in Lustenau eine Stickereifabrik. Während ein Großteil der Bevölkerung ums Überleben kämpfte, wuchs Seewald im Wohlstand auf, mit Badezimmer, Zentralheizung, elektrischem Licht und Auto. Diesen Luxus konnten sich zu der Zeit nur die Reichen leisten. „Aber ich wurde nicht zu einem Prinzen erzogen. Meine Mutter war eine Bauerntochter. Ich durfte auch mit den Gassenjungen spielen.“ Mit zehn steckten ihn die Eltern in ein Internat, das von Jesuiten geleitet wurde. Obwohl hier Zucht und Ordnung herrschten, fühlte er sich wohl im Kreise seiner Schulkameraden. Nach der Matura studierte der Fabrikantensohn in Graz und Wien Jura. Als 22-Jähriger erlebte er in Wien die Machtergreifung der Nationalsozialisten mit. „Es war ein Überfall. Die deutschen Truppen eroberten innerhalb von ein paar Stunden Österreich. Über den Häusern flogen Staffeln von Flugzeugen“, erinnert er sich. Seewald selbst war nie ein Sympathisant der Nazis. „Ich war ein Christlich-Sozialer.“

1940 wurde der Gerichtspraktikant eingezogen. „Ich war an der Front in Russland.“ In Italien wurde er verwundet, was sich für ihn als Glücksfall herausstellte. „Anstatt an der Front, war ich ein Jahr im Lazarett.“ Im Krieg erfuhr er, wie brutal das Leben sein kann. Später war es der Verlust seiner Ehefrauen, die den zweifachen Vater mit den dunklen Seiten des Lebens konfrontierten. Seewald ist alt – und satt vom Leben. „Aber ich bin bereit, es zu Ende zu führen.“ Er kann sich sogar vorstellen, noch ein Buch zu schreiben. „In meinem langen Leben lernte ich Menschen kennen, die mir etwas mitgaben.“ Diese „Begegnungen am Wegesrand“ möchte er in einem Buch festhalten. „Aber ich glaube nicht, dass ich es fertigstellen kann.“ Der Tod, so vermutet er, wird ihn vorher einholen.

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