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Kommentar

Monika Helfer

Fleisch

Ich habe eine Frau getroffen, die ich aus den Augen verloren hatte. Wir haben uns nie gut gekannt, und ich erinnerte mich, als ich sie sah, an ihre Blässe, ihren fast weißen Mund.

„Ich habe“, erzählte sie, „seit vierzig Jahren das erste Mal wieder Fleisch gegessen. Zuerst, als ich es kaute, wusste ich gar nicht, wonach es schmeckte, nur, dass es nicht süß war. Mein Onkel ist Jäger. Er besucht uns alle heiligen Zeiten. Diesmal kam er, weil er der Pate meines ältesten Sohnes ist, und ihm das gerade eingefallen war. Er brachte ein Reh mit, das er geschossen hatte. Sauber zerteilt und in Tiefkühlsäcke gelegt. In Dosen war die Brühe aus Knochen. Ich war schockiert, wusste nicht, ob ich mich bedanken sollte. Ich schaffte es auch nicht zu sagen, dass wir Vegetarier sind, mein Mann, meine drei Söhne und ich. Der Onkel räumte das zerteilte Reh in meinen Tiefkühler. Wir tranken einen Schnaps, den er auch mitgebracht hatte, und dann ging er.

Ich starrte auf die Tischplatte. Meine Söhne sind fleischlos aufgewachsen, mein Mann isst mir zuliebe kein Fleisch, obwohl ich weiß, dass er sich manchmal eines gönnt, in einer fremden Wirtschaft. Das soll er. Meine Söhne essen Leberkäse, sie kaufen ihn vom Taschengeld. Mein Jüngster sagte, der erste Leberkäse sei ihm gar nicht wie Fleisch vorgekommen, eher wie eine gepresste Pflanze. Der Onkel hatte gesagt, Männer brauchen Fleisch und meine blassen Söhne im Besonderen. Ich erzählte ihnen nichts von seinem Besuch. Das Reh lag verborgen im Eis. Einmal, als ich nach einer Woche von einem Urlaub heimgekehrt war, roch es schon im Hausflur nach Fleisch. Meine Söhne standen alle drei am Herd, einer rührte in unserem größten Topf, die anderen zwei schauten zu. Der Jüngste sagte: Es ist kein Menschenfleisch, Mama, was für ein Tier ist es?

Es sollte Gulasch daraus werden. Ich konnte nichts davon essen. Meine Buben aßen wenig. Mein Mann schnitt Kartoffeln hinein, Karotten und Sellerie, er ließ es eine Stunde köcheln, dann verspeiste er es und trank Bier dazu.

Seither wollten meine Männer regelmäßig Fleisch. Selten probierte ich, weil ich kein Spielverderber sein wollte.“

Mir war aufgefallen, dass die Frau immer nur von ihren Männern, von ihren Buben, von ihrem Tiefkühler gesprochen hatte, alles mit besitzanzeigenden Fürwörtern. Ich sagte ihr, dass jeder ihrer Männer einen eigene Willen habe und ein Mensch für sich sei, sie solle sich nicht grämen, lieber froh sein, dass sie ihren Weg gefunden hatten, und sei es auch nur bei der Ernährung. Sie zuckte mit den Schultern:

„Als Mutter und Frau verliert man immer mehr an Bedeutung“, sagte sie.

„Das kannst nur du ändern“, war mein letztes Wort.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

Ich war schockiert, wusste nicht, ob ich mich bedanken sollte.

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