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„Wo bleibt der Aufschrei?“

von Thomas Matt
Renata Schmidtkunz: „Warum treten Christen nicht laut auf?“  Foto: Matt

Renata Schmidtkunz: „Warum treten Christen nicht laut auf?“ Foto: Matt

Wie sind Christen heute, 500 Jahre nach Luther? Zu wenig zornig, findet Filmemacherin Renata Schmidtkunz.

Bregenz. ™ Im Finale treten die dreiteiligen ökumenischen Gespräche mitten hinein ins pralle Leben. Historischer Luther? Der war gestern. Handlungsmaximen? Die hängen irgendwo da oben. Aber die Vorarlberger Protestanten und Katholiken, die sind hier und jetzt, im November 2016. Ganz analog und sehr konkret. In einer ungemein, manchmal vielleicht ein wenig arg spannenden Zeit.

Zur Freiheit erzogen

Renata Schmidtkunz ist als Pfarrerstochter zur Welt gekommen. In einem Haus, „das uns eigentlich nie gehört hat“. In dem sich aber fremde Leute – die Presbyter (Kirchenleitung) – so selbstverständlich bewegten, als ob es das Ihre war. Die ORF-Journalistin und Filmemacherin malt mit Worten Bilder aus dieser Zeit. Vom Vater, wie er den Talar überzog. Vom Stoff, der so gut roch. Mutter bügelt das Beffchen. Die Gespräche daheim – „wir Kinder wurden ernst genommen“. Sie spricht von Freiheit. Die ist das Wichtigste. „Wir sind zur Freiheit erzogen worden und dazu, eine Haltung zu haben.“ Freilich hat es den kritischen Blick aufs Amt geschärft, wenn man den Pastor daheim auch mal im Bad gesehen hat. Oder wenn derselbe Mann, der eben noch von Liebe predigte, nun den Kindern die Leviten las…

Wie erlebt sie protestantische Kirche heute? Schmidtkunz, die Theologie studiert hat und das dort Erlernte wie einen Grundton ihres Lebens schätzt, war selber acht Jahre lang aus der Kirche ausgetreten. Sie kam auch deshalb zurück, weil sie in Kirchen die letzten Räume fand, „die nicht ökonomisch genutzt werden“. Sie liebt die Rituale – „die sind so wichtig in einer Zeit, in der jeder casual ist“. Aber sie vermisst das politische Engagement.

Wieso rührt es keinen Menschen mehr, wenn Aleppo ausgelöscht wird? „Wieso treten Christen nicht auf angesichts des Wahnsinns in Syrien?“ Warum marschieren sie nicht in Massen nach Brüssel? „Wir haben es uns so gemütlich eingerichtet mit Kekse backen, Adventsingen und Kaffeekränzle…“

Tango mit dem Papst

Und sie fährt fort: „Warum fragen wir nicht, was die Geschichte vom barmherzigen Samariter wirklich bedeutet?“ Viel wird an diesem Abend noch diskutiert. Über die Christen, die nicht mehr verwurzelt sind – „wer aber keine Wurzeln hat, kann auch keine Flügel haben“. Von sehr kultivierten Menschen, die Kultur und Christentum verwechseln. Vom deutschen Staatsprotestantismus, der sie anwidert. Von bestellten Pastoren und geweihten Priestern. Und vom Papst, von dem Renata Schmidtkunz zu gerne mal aufs Parkett geführt würde: Denn „Euer Papst kann Tango tanzen“, das muss die Protestantin neidlos anerkennen.

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