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Bruchlinien zweier Gefühlswelten

von Klaus Hämmerle
Kritische Gespräche über die Türkei. Da will Kaan (vorne) nicht erkannt werden. Halil hat damit kein Problem.  Foto: VN/Steurer

Kritische Gespräche über die Türkei. Da will Kaan (vorne) nicht erkannt werden. Halil hat damit kein Problem.  Foto: VN/Steurer

Kaan (43) und Halil (39) reden über die Türkei. Ein Land, zwei Zugänge.

Lustenau. (VN-hk) Was macht Recep Tayyip Erdogan aus der Türkei? Wie kann es passieren, dass sich das Land im Eiltempo in eine Diktatur verwandelt? Und das mit Zustimmung der großen Mehrheit der hier in demokratischen Verhältnissen lebenden Türken und türkischstämmigen Österreicher?

Es ist nicht leicht für Kaan und Halil, darüber zu sprechen. Deswegen will Kaan (Name von der Redaktion geändert) aus Angst unerkannt bleiben, während sich Halil traut, seinen vollen Namen zu nennen und sich auch ablichten lässt. Kaan erklärt sofort, warum er Angst hat. „Ein Kollege von mir, AKP- und ATIB-Mitglied, hat vor zwei Jahren auf Facebook Kritik an Erdogan geäußert. Heuer flog er mit seiner Familie in die Türkei.

Dort hielten sie ihn, den türkischen Staatsbürger, einfach fest und konfrontierten ihn mit dem Eintrag. Es kam zu dramatischen Szenen. Erst nachdem seine ganze Familie weinte und in Panik geriet, ließ man ihn wieder laufen.“ Für Kaan, der ohne Bekenntnis ist, akzentfreies Deutsch spricht und mit einer Ausnahme nur österreichische Freunde hat, ist klar: „Die Türkei ist eine Diktatur.“

Halil Ilgec, früherer ÖVP-Jungpolitiker und später in Lustenau mit einer eigenen Liste vertreten, hört man seine türkischen Wurzeln noch leicht an. Er lebt in zwei Welten, ist gut mit Vorarlbergern vernetzt, aber auch eng mit der türkischen Community. Er ist Sunnit, „aber nicht streng religiös – ich trinke ja auch gern mein Bier.“ Weder seine Frau noch seine Tochter tragen Kopftuch. „Es wäre mir aber egal, wenn sie es täten.“ Die Türkei? Da muss der dreifache Familienvater durchatmen. „Ich persönlich habe Erdogan nicht gewählt und bin nicht auf seiner Seite. Aber man muss die Türken hier auch verstehen. Er hat ihnen die Möglichkeit gegeben, in ihrer Heimat zu wählen. Er gibt ihnen das Gefühl von Wertigkeit.“

Einfach festgenommen

Halil will die demokratiefeindlichen Aktivitäten in der Heimat seiner Väter nicht verteidigen. Aber er spricht im Zusammenhang mit Erdogans Erzfeind Fethullah Gülen auch von einer „Sekte“ mit unheilvollem Einfluss auf viele Institutionen in der Türkei. Die Willkür in der Erdogan-Türkei hat freilich auch er erlebt. Und zwar während der Zeit, als er für seine Vorarlberger Firma dort arbeitete. Vor wenigen Monaten war das. „Da haben sie einfach einige Bekannte von mir festgenommen. Ohne ersichtlichen Grund. Es waren Lehrer.“ Vieles sei aber nur inszeniert, glaubt Halil, der sich ein rasches Ende des Ausnahmezustandes wünscht. Für die Verhaftung mehrerer kurdischer Politiker bringt der beruflich erfolgreiche Ex-Politiker Verständnis auf. „HDP-Chef Demirtas hat mehrmals eine gerichtliche Vorladung ignoriert. Das geht nicht.“ Kaan sieht die Dinge anders. „Die Türkei und Grundrechte: Das war einmal. Erdogan ist ein Diktator wie er im Buch steht. Dazu gehört auch, dass aus Helden von gestern die Feinde von heute werden. Man denke nur an den türkischen Piloten, der ein russisches Flugzeug abschoss. Den hat Erdogan zuerst zum Nationalheroen hochgejubelt, jetzt will er ihn aufgrund der Kehrtwendung in den Beziehungen zu Russland einsperren lassen.“

Kaan hat mit der Türkei kaum noch was am Hut. Auch wenn er selbst einmal „das Türkenmännli“ war, das oft nicht ins Haus von österreichischen Freunden durfte. „Weil ich türkischstämmig bin.“  

Halil findet in Lustenau einen Mikrokosmos seiner türkischen Urheimat vor. So leben in Lustenau 650 Menschen, die aus dem Dorf seiner Väter stammen.

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