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Kommentar

Wolfgang Burtscher

Wenig geliebte Kandidaten

Am kommenden Sonntag geht ein überflüssig langer, auch dem Verfassungsgerichtshof und schlechtem Klebstoff geschuldeter und zuweilen quälender Wahlkampf zu Ende. Es schlägt wieder die Stunde der Wutbürger. Das sind Personen, „die sich mit Wut und Empörung gegen als Willkür empfundene politische Entscheidungen wenden“ (Wikipedia). Sie wollen es dem Establishment zeigen, indem sie einen Kandidaten wählen, der es der „Elite“ zeigt. Doch halt: Es stehen doch zwei zur Wahl, die etablierter nicht sein können. Van der Bellen und Hofer bekleiden seit Jahrzehnten führende politische Ämter. Sie stehen zwar zur Wahl, aber es geht überhaupt nicht um sie. Es geht um eine Richtungsentscheidung. Weiter nach rechts oder ein bisschen nach links. Das wissen auch viele Wähler. Sonst hätten im zweiten Wahlgang, wie Politologe Filzmaier analysiert hat, nicht ein Drittel der Hofer-Wähler und fast die Hälfte der Wähler von Van der Bellen in erster Linie den jeweils andern verhindern wollen, ohne vom Gewählten wirklich überzeugt zu sein. Zwei großteils wenig geliebte Kandidaten also.

Weil das Wahlverhalten der jeweiligen Hardcore-Fans seit Langem betoniert ist, geht es in den letzten Tagen um das knappe Fünftel der noch Unentschlossenen, vorwiegend aus dem Lager von SP und VP. Beide Kandidaten kämpfen also um die bürgerliche Mitte. Der eine (Van der Bellen) trägt plötzlich mehr Trachtiges als früher und treibt sich auf dem Land herum, der andere hat in den Diskussionen geradezu Kreide gefressen, wobei seine Tricks auch ins Auge gehen können. Zuletzt als ihm vom Privatsender Puls 4 ein ihm unangenehmer Redeausschnitt eines Parteikollegen vorgespielt wurde. Dazu Norbert Gerwald Hofer treuherzig: Er könne zu diesem einen Satz gar nichts sagen, er müsse ihn erst im Zusammenhang studieren. In Wahrheit war Hofer im Publikum, als der ominöse Satz fiel. Oje: Jetzt wird die wohlorganisierte Riege der FP-Leserbriefschreiber wohl wieder aufheulen.

Auch diesmal dürfte es „arschknapp“ werden (© VdB). Vielleicht ist das der Grund, warum es bis jetzt fast keine veröffentlichten Meinungsumfragen gibt. So erspart sich die Branche der Meinungsforscher wenigstens eine weitere Blamage. War der Wahlkampf schmutzig? Zum Teil. Hitlerbärtchen auf Hofer-Plakaten: geschmacklos. Fotos mit Hitler und Hund unterhalb von VdB-Plakaten mit Hund: mies und untergriffig. Die völlig unbewiesene Behauptung der FPÖ-Politikerin Ursula Stenzel, dass Van der Bellens Vater Nazi gewesen sei: letztklassig. Die Kommentatoren haben sich in den letzten Wochen vor allem auf Hofer eingeschossen, auch in diesem Blatt. Nur FPÖ-Urgestein Fritz Amann hat einsam dagegengehalten und Van der Bellen attackiert. Doch dass die Haltung der Medien überhaupt nichts bewirken muss, hat man bei der US-Wahl gemerkt, bei der Angriffe der (wenigen) Qualitätszeitungen auf Trump eher das Gegenteil bewirkt haben. Dasselbe gilt vermutlich auch für die Wahlempfehlungen von Promis. Wenn Lopatka sich pro Hofer outet und Mitterlehner für Van der Bellen, sind VP-Wähler so klug wie zuvor. Möglicherweise etwas anderes ist es, wenn jetzt der fast 90-jährige Doyen der Journalisten, Hugo Portisch, den vor Jahren eine große Mehrheit der Österreicher selbst gern als Präsident gehabt hätte, über Van der Bellen sagt: „Ein Demokrat vom Scheitel bis zur Sohle. Einer, der nicht mitläuft mit dem Populismus und für eine aufrechte Zusammenarbeit aller steht.“

wolfgang.burtscher@vorarlbergernachrichten.at
Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landesdirektor, lebt in Feldkirch.

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