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Kommentar

Reinhold Bilgeri

Früchte des Zorns

John Steinbecks Jahrhundertroman unterm Arm, kam Frau Ammann heute zum Emsbach. Amerika geht uns nicht aus dem Sinn. Zweite Heimat. Schock verdauen, sagt sie. Die Quelle des Zorns in der großen Depression der Dreißigerjahre waren die verarmten Farmer des Mittleren Westens, die eine böse Dürre nach Kalifornien getrieben hatte, in der Erwartung von Milch und Honig. In Wahrheit begann erst dort, in den Fängen erbarmungsloser Profitgier einer kapitalistischen Elite, ihre eigentliche Katastrophe.

Heute ist es der Zorn der weißen Industriearbeiter des „Rusty Belt“, die nach einem Messias riefen, der die Rettungsformel am lautesten brüllen konnte. Die Frucht oder besser das Früchtchen ihres Zorns heißt Trump.

T. C. Boyle z. B. hält ihn für einen „Punk, ohne den Funken eines Programms“. Der geniale Jeffrey Eugenides attestiert: „Trump musste nur versprechen, musste keine Wege zeigen, die zum Besseren führen, das Versprechen allein genügte.“ Frau Ammann meint sowieso, dass The Donald den weißen Zorn nur für seine ultimative Realityshow instrumentalisieren wollte, ein demagogischer Hallodri mit Trompetenschnute, dem die eigene Größe alles ist, von wegen „Make America great again“. Weder Protektionismus noch Isolationismus werden das schaffen. Im Gegenteil, die zornigen weißen Männer werden in vier Jahren noch zorniger und die Früchte bitter sein.

Ich glaube, Trump würde sich jetzt am liebsten wieder in seinen Tower vertschüssen, sagt sie, die Show ist gelaufen, schien er zu denken, als ihn Obama ins Oval Office lud. Aber statt Plüsch und Gold wartet nun zäher politischer Alltag in den labyrinthischen Folterkammern zwischen Senat und Kongress. Demokratie halt. So mancher wurde in diesen strengen Mühlen zum Zurückrudern gezwungen, das macht Hoffnung.

Und doch: Trump hat Rassismus und Fanatismus wieder in den Mainstream gebracht, fast täglich treten nun solche Figuren in US-Talkshows auf, offen rassistisch, vom gröhlenden Mob befeuert. Der Schriftsteller Richard Ford verweist zu Recht auf Wittgenstein und dessen These, „dass die Sprache, die wir benutzen, die Welt ist, in der wir leben“. Wir kennen das aus unserer eigenen, dunklen Geschichte. Auch damals dachte so mancher, es wird schon nicht so heiß gegessen, wie’s gekocht wird. Und dann hat sich die ganze Welt das Maul verbrannt.

reinhold.bilgeri@vorarlbergernachrichten.at
Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher,
er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.

Im Gegenteil, die zornigen weißen Männer werden in vier Jahren noch zorniger und die Früchte bitter sein.

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