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VN-Interview. Theresia Fröwis, Obfrau der Sparte Handel in der WKV

Angebot schafft Nachfrage

Speziell für Klein- und Kleinstbetriebe werden Onlinekonzepte erarbeitet.

Bezau. (cro) Vorarlberger kaufen regional und sorgen dafür, dass neun von zehn Euro im Ländle bleiben. Das ist gut so, denn die Verlagerung vom stationären zum Onlinehandel schreitet zügig voran. Das bestätigt auch die jüngste Cima-Studie, deren Masterplan in den nächsten Wochen öffentlich präsentiert wird. Theresia Fröwis, Obfrau der Sparte Handel in der Wirtschaftskammer Vorarlberg und Einzelhändlerin von Schuh Fröwis in Bezau, gibt einen Überblick über die Situation des Einzelhandels in Vorarlberg und über die Strategien, die vonseiten der Wirtschaftskammer vorgesehen sind.

Im Vergleich zu anderen Bundesländern weist Vorarlberg mit einer Kaufkrafteigenbindung von 89,5 Prozent den besten Wert auf. Wie macht das der Vorarlberger Handel?

Fröwis: Der Vorarlberger Handel konnte, nicht zuletzt durch den Einkaufstourismus aus der benachbarten Schweiz und den sehr starken Nächtigungstourismus, die Angebotsstruktur im Ballungsgebiet stark ausbauen. Speziell bei Lebensmitteln kann man mit 95 Prozent von einer Vollversorgung sprechen. Auch das Kleinunternehmertum und die Familienbetriebe in den Talschaften sorgen für eine Kaufkrafteigenbindung von immerhin zirka 73 Prozent. Man muss aber auch berücksichtigen, dass die Kaufkrafteigenbindung in Vorarlberg seit dem Jahr 2009 von 94 Prozent um 4,5 Prozent auf 89,5 Prozent gesunken ist.

Dennoch gelang es dem Land, den Spitzenplatz zu halten?

Fröwis: Das ist den vielen fleißigen und innovativen Händlern, den örtlichen und regionalen Einkaufsverbünden und einer guten Nahversorgungsförderung durch das Land zu verdanken. Sie ist letztlich dafür verantwortlich, dass das Handelsnetz über das Land verteilt erhalten bleibt. Angebot schafft Nachfrage. Das machen wir vermutlich besser als andere Bundesländer, die zu lange zugeschaut haben, wie die Nahversorgung mit den inhabergeführten Kaufläden und Gastbetrieben aus den Ortszentren verschwanden und somit die Handelsstandorte an Attraktivität eingebüßt haben.

Welche Rolle spielen dabei die Umsätze der Schweizer Konsumenten? Wie viele dieser neun Euros kommen von Schweizer Kunden?

Fröwis: Rund 115 Millionen Euro fließen durch Einkaufsfahrten aus den benachbarten Regionen nach Vorarlberg, davon 85 Millionen Euro aus der Schweiz. Bei einem Handelsumsatz von gesamt 1,93 Milliarden Euro sind das zirka 4,4 Prozent. Das klingt nach nicht viel, ist aber ein wichtiger Beitrag für den Einzelhandel im Land.

Im ersten Halbjahr 2016 sind die Umsätze im Vorarlberger Einzelhandel nominell um 2,3 Prozent gestiegen. Welche Rolle nimmt im Land der Onlinehandel ein?

Fröwis: Rund 200 Millionen Euro Kaufkraft fließen in stationäre und virtuelle Einkaufsdestinationen außerhalb unseres Bundeslandes. Mehr als die Hälfte davon in den Onlinehandel. Über alle Warengruppen verteilt, wandern derzeit 5,4 Prozent Umsatzanteil vom stationären zum Onlinehandel. Tendenz stark steigend. Während nur ein Prozent Lebensmittel online gekauft werden, sind es bei Büchern und Schreibwaren 25 Prozent. Mit einem Anteil von zirka 20 Prozent kaufen die unter 35-Jährigen am meisten in Onlineshops ein.

Die Onlineanteile am gesamten Einzelhandelsumsatz sollen sich bis zum Jahr 2025 nahezu verdoppeln. Das prognostiziert eine GfK-Studie. Ist der Einzelhandel in Vorarlberg darauf vorbereitet?

Fröwis: Der Onlinehandel wird Verkaufsfläche und Arbeitsplätze kosten, das bestätigt auch die neueste Cima-Studie. Diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Um darauf gut vorbereitet zu sein, werden von uns zwei Maßnahmen forciert: Zuerst gilt es, für den Vorarlberger Einzelhandel jene Bereiche, wo es Sinn macht, für den Onlinemarkt fit zu machen, um nicht noch mehr Umsatzanteil und Steuereinnahmen an Nachbarländer abgeben zu müssen. Weiters wird der stationäre Handel im Land darauf vorbereitet, noch mehr auf Qualität, Service, Beratung und Marktnischen zu setzen.

Welche herausragenden Multi-Channel- oder – noch besser – Omni-Channel-Lösungen gibt es im Land bereits? Wie intensiv wird daran gearbeitet? Gibt es Unterstützung seitens der Wirtschaftskammer?

Fröwis: Immer mehr Händler versuchen intensiv, neben dem stationären Geschäft ihre Kunden auf mehreren unterschiedlichen Kommunikationskanälen zu erreichen. Vorreiter sind jene Unternehmen, die frühzeitig die Herausforderung erkannt haben und schon lange erfolgreich sind. Es gibt noch Nachholbedarf, wenn es darum geht, die Kunden schon bei der Informationssuche zu erreichen. Daher werden in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftskammer und der Sparte Information und Consulting auf mehreren Ebenen speziell für Kleinbetriebe Konzepte erarbeitet. Bei der Vielseitigkeit des Vorarlberger Handels braucht es individuelle Lösungen, die auch noch finanziell im Rahmen bleiben.

In Vorarlberg gibt es 529.150 Quadratmeter an Verkaufs­flächen (1,4 m2 pro Einwohner). Mit 433.200 Quadratmetern entfällt ein Anteil von 82 Prozent auf die 15 untersuchten Handelsstandorte. Trotz dieser Dichte bleibt es ein Ziel, die Nahversorgung weiter auszubauen. Was sind dazu die nächsten Schritte?

Fröwis: 1,4 Quadratmeter Verkaufsfläche pro Einwohner sind ein europaweit sehr hoher Wert. Es gibt praktisch keine Dringlichkeit für zusätzliche Verkaufsflächen, die vorwiegend zu einem Verdrängungswettbewerb führen. Vielmehr müssen die Empfehlungen aus der Cima-Studie verfolgt werden, die Investitionen in qualitätsvolle Neuansiedlungen, in ein maximales Sortiment und eine attraktive Vielfalt des Angebots, qualitätsvolle Erneuerung und Modernisierung der Geschäfte, in Onlinelösungen, in die
Personalschulung, in den Ausbau der Serviceleistungen und in die Stärkung der innerörtlichen Handelslandschaft propagieren. Nahversorgung heißt: „Nahe beim Kunden“, also auch Inves­titionen in nachhaltige Weiterentwicklung in den Talschaften unseres Landes und in kleinregionale Versorgungszentren. Der Masterplan aus der Cima-Studie wird in den nächsten Wochen vorgestellt und wird dafür eine wichtige Grundlage sein.

Wo kaufen Sie am liebsten ein? Stationär oder online?

Fröwis: Ich kaufe nur stationär ein. Den Großteil in unserem Dorf, in Bezau, mit über 30 sehr guten Fachgeschäften und in anderen
Dörfern im Bregenzerwald mit einer sensationellen Vielfalt und sehr serviceorientierten Familienbetrieben. Online würde ich nur Produkte kaufen, die es in der Nähe nicht gibt. Ich mag es, fachkundig beraten zu werden.

Der stationäre Handel wird darauf vorbereitet, noch mehr auf Qualität und Marktnischen zu setzen.

Theresia Fröwis
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