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Kommentar

Gerold Riedmann

Rechts-aggressiv

Der eigentliche Wahlkampfplan – so waren sich Beobachter sicher – hätte vorgesehen, dass sich Präsidentschaftskandidat Hofer bis zur Wahl sanft und Heinz Christian Strache zurückhaltend gibt. Doch diese Woche hat es Strache mit der Zurückhaltung nicht mehr ausgehalten. So sehr er sich vor wenigen Wochen noch am Staatsmännischen versuchte, so sehr ist er diese Woche wieder in seinen rechts-aggressiven Kurs zurückgefallen.

 

Als hätte es in den vergangenen Tagen nicht bereits genug Grundsatzreden gegeben, hielt Strache am Montag seine „Rede zur Lage der Nation aus freiheitlicher Sicht“. Und diese freiheitliche Sicht ist derzeit wohl getrübt durch Nebelgranaten der Angst. Denn Strache kreierte in seiner Ansprache ein nicht alltägliches Angstgespenst – Bürgerkrieg. „Mittelfristig“, so wörtlich, hält er „einen Bürgerkrieg nicht für unwahrscheinlich“ und begründet das mit „dem ungebremsten Zustrom von kulturfremden Armutsmigranten“. 

Zwei Tage später, es war der österreichischste aller Tage, der Nationalfeiertag: Strache, der Bundeskanzler sein möchte, nutzte seine Facebook-Bühne und stellte einen Teil der Hymne des austrofaschistischen Ständestaats online. Das Lied, geschrieben vom deutschnationalen Dichter Ottokar Kernstock, lobt an anderer Stelle „Deutsche Arbeit“ und „Deutsche Liebe“. Strache freilich postete die vermeintlich harmlosere zweite Strophe des Nazi-Dichters.

 

Seine Signale sind glasklar, kommen bei der Zielgruppe an. Immer wenn Strache sich unverstanden fühlt, kommt eine beleidigte Reaktion so sicher wie das Amen im Gebet. Strache stellte ein säuerliches Foto seines Antlitzes, aufgenommen anlässlich seiner „Grundsatzerklärung zum Asylnotstand“ vor einem Jahr, online. „Ich muss nicht so sein, wie die anderen Parteien es von mir verlangen, ich muss so sein, wie mein Volk es von mir verlangt“, stellte Strache dazu trotzig fest und bestärkte „sein Volk“, das ihm in der Echo-Kammer Facebook ohnedies stets zujubelt. 

Dieses Phänomen übrigens ist es, das unsere Scheuklappen immer enger macht. Wir bekommen auf Facebook nur Dinge angezeigt, die uns gefallen könnten. Und dabei vermischen wir Weltverschwörungstheorien mit selektiv wahrgenommenen Fakten, wir meinen, direkt an der Quelle zu sitzen. Dieser vom offenen Internet abgetrennte Facebook-Trakt verengt unsere Sichtweise, anstatt sie zu erweitern. Ein feindseliges Umfeld, voller Hass-Postings, aber auch voller Schulterklopfer, die die eigene Weltsicht bestätigen. „Gefällt mir!“ 

Der freundliche Herr Hofer, der zwar das FPÖ-Parteiprogramm verfasst, aber derzeit auf sonst alles eine nett-lächelnde Antwort hat, schweigt zu Straches Bürgerkrieg und zum Nazi-Dichter.

 

Wir mögen in postfaktischen Zeiten leben, in denen es nicht mehr darauf ankommt, was tatsächlich passiert, sondern was die Menschen fühlen. Dieses Empfinden wird allerdings von den beschriebenen Mechanismen maßgeblich getrübt – und es ist an der Zeit, aufzustehen und sich klar zu distanzieren, auch wenn man damit in die „Empört Euch!“-Falle der Freiheitlichen Partei tappt. Mit ewiggestrigen Andeutungen und völlig unkonstruktiver Generalkritik baut man nicht das Österreich der Zukunft, Strache hascht durchschaubar nach Effekt.

 

Manchmal sieht es allerdings so aus, als wollte Strache selbst gar nicht, dass der freundliche Herr Hofer in die Hofburg einzieht. Damit wäre es jedenfalls wesentlich einfacher, weiterhin über „das System“ zu schimpfen, dem die FPÖ ja selbst angehört.

gerold.riedmann@vorarlbergernachrichten.at, Twitter: @geroldriedmann, Tel. 05572/501-320

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.

Straches Volk jubelt ihm in der Echo-Kammer Facebook ohnedies stets zu.

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