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Kommentar

Charles E. Ritterband

Probebühne

„Dies Österreich ist eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält“, schrieb Friedrich Hebbel im Jahr 1862. Und er fügte hinzu: „Und waltet erst bei uns das Gleichgewicht, so wird’s auch in der andern wieder licht“. Im Moment erscheint es eher umgekehrt: Die USA ist die „große Welt“ und die Wahl Trumps mit allen Konsequenzen und Ungewissheiten, welche diese mit sich bringt, könnte sich am 4. Dezember in der „kleinen Welt“ Österreich widerspiegeln. Wenn man in diesen Tagen die Zeitungen aufschlägt, so sind es die geschriebenen und ungeschriebenen Fragezeichen, welche allesamt den Ton von Artikeln und Kommentaren bestimmen. Konzis hat es Paul Lendvai auf den Punkt gebracht: „Kein Mensch weiß heute, was Trump als Präsident wirklich tun wird“, schreibt er in einem Kommentar. Und: „Er ist für viele das erschreckende Symbol eines Zeitalters der Unberechenbarkeit.“

Das gilt wörtlich auch für die beiden österreichischen Präsidentschaftskandidaten. Die beiden Exponenten entgegengesetzter oppositioneller Lager zerstören schon allein durch ihre Kandidatur Österreichs alte Gewissheiten, ja die Berechenbarkeit dieses erstarrten politischen Systems, und die völlig, aber auch wirklich total nichtssagenden Wahlplakate in einem Wahlkampf, in dem schon alles (und nichts) gesagt wurde vor dem penetrant peinlich patriotischen rotweißroten Hintergrund, geben uns nicht die geringsten Hinweise darauf, was wir wirklich von dem neuen Mann in der Hofburg zu erwarten haben. Wirklich? Van der Bellen steht für Kontinuität (insbesondere was die Beziehung zu Europa betrifft) und den Versuch, das von Hebbel beschworene „Gleichgewicht“ in der polarisierten Nation Österreich zumindest versuchsweise wieder herzustellen.

Bei Hofer stehen die Dinge etwas anders: Sein viel zitierter Satz „Sie werden sich noch wundern“ lässt (einige ziemlich bange) Fragen offen. Der frühere Strabag-Chef Hans-Peter Haselsteiner, der ja die Kampagne Van der Bellens mitfinanziert, hat kürzlich an einer Pressekonferenz im Presseclub „Concordia“ eindringlich davor gewarnt, dass eine Wahl Hofers „die Schleusen öffnen“ würde. Welche Schleusen? Falls sich die Koalition (was immer wahrscheinlicher wird) nicht nach der Präsidentenwahl selber in die Luft sprengt, könnte Hofer seine implizite Drohung wahr machen, die Regierung mangels Legitimität (wie er behaupten könnte) und fehlender Handlungsfähigkeit (was täglich offenbar wird) zu entlassen und seinem Verbündeten Strache die Tür zum Kanzleramt zu öffnen. Und was die Blauen mit der Macht anstellen, haben wir ja bereits erlebt. „Schleusen öffnen“ heißt für Haselsteiner vor allem: ein Öxit-Referendum nach britischem Muster. Was aber den Briten jetzt im Kielwasser des Brexit-Referendums so alles blüht (die EU droht mit Forderungen in Höhe von 60 Milliarden Euro und zur Abwicklung des Brexit müssen zusätzlich 30.000 Beamte eingestellt werden) kann man täglich in den Medien nachlesen. Vor allem wurden nach Brexit und Trump Schleusen für stinkende Jauche geöffnet, die sich jetzt über Großbritannien und die USA ergießt: Eine dramatische Zunahme rassistisch und xenophob motivierter Zwischenfälle und eine Flut von Hasspostings. Probebühne für Österreich?

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).

Und was die Blauen mit der Macht anstellen, haben wir ja bereits erlebt.

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