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VN-Interview. Ulrike Rabmer-Koller (50), Vorstandsvorsitzende des Hauptverbands der österreichischen Sozialversicherungsträger

“Hätte mehr Reformwillen erwartet”

Rabmer-Koller wünscht sich, dass das Gesundheitssystem aus einer Hand finanziert wird.  Foto: C. Huber

Rabmer-Koller wünscht sich, dass das Gesundheitssystem aus einer Hand finanziert wird.  Foto: C. Huber

Hauptverbandschefin Rabmer-Koller will bei der Gesundheitsreform weiter lästig bleiben.

LINZ. Seit rund elf Monaten ist die Unternehmerin Ulrike Rabmer-Koller Präsidentin des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger. In Sachen Krankenkassenreform hat sich in dieser Zeit allerdings wenig getan. Sie hofft weiterhin auf den großen Wurf bis 2018, ist dafür aber von den Regierungsparteien abhängig. Die Proteste der Ärztekammer zum Finanzausgleich führt Rabmer-Koller auf die anstehenden Kammerwahlen zurück.

Die Regierung sprach einst von einer Kassenreform. Jetzt ist es still darum geworden. Ist das Vorhaben tot?

Rabmer-Koller: Nein. Ich werde alles tun, damit das Thema auf der Agenda bleibt. Aber wir brauchen natürlich die Politik, um im Gesundheitssystem Weichen zu stellen. Wir geben sehr viel Geld für Gesundheit aus, aber das führt nicht dazu, dass die Österreicher mehr Jahre gesund erleben können als andere Europäer. Das System ist nicht leistungsfähig genug.

Sind Sie ernüchtert?

Rabmer-Koller: Ernüchterung ist das falsche Wort, aber ich habe mir mehr politischen Willen und Schwung erwartet. Die Zusammenlegung der Kassen allein ist zu wenig. Wir müssen uns anschauen, welche Struktur optimal und kundenorientiert ist. Dazu soll es eine Studie geben, die der Sozialminister in Auftrag gibt.

Bis wann sind Ergebnisse zu erwarten?

Rabmer-Koller: Eigentlich wollte ich diese Studie schon im Herbst haben. Aber bis jetzt wurde sie nicht einmal in Auftrag gegeben. Wann immer ich den Sozialminister treffe, frage ich ihn danach. Ganz wichtig dabei ist, dass die Studie frei von Ideologie ist. Ich brauche keine Studie, die sagt, dass wir alles beibehalten und nur mehr Geld eintreiben sollen.

Unser Sozialversicherungssystem ist mit 60 Milliarden Euro ausgestattet. Die jährlichen Steigerungsraten betragen zwischen vier und sechs Prozent. Kritiker sagen, das geht ungebremst gegen eine Wand?

Rabmer-Koller: Daher müssen wir an allen Schrauben drehen, um die Effizienz zu erhöhen. Wir haben im Finanzausgleich die jährlichen Steigerungsraten reduziert, bis 2021 von 3,6 auf 3,2 Prozent. Damit werden wir in den Jahren 2016 bis 2021 in Summe 13,9 Milliarden Euro mehr für die Gesundheitsversorgung ausgeben. Und das muss bei den Patienten ankommen.

Das ist doch eine Kapitulation?

Rabmer-Koller: Darum sage, ich, dass das System effizienter werden muss. Wir müssen die Finanzierung aus einer Hand umsetzen. Die Zahl der Player muss reduziert werden, wir müssen die Patienten von den Spitälern und den Ambulanzen zu den niedergelassenen Einheiten lenken. Wir müssen Doppeluntersuchungen vermeiden, auf Prävention setzen. Viele kleine Dinge machen es aus, wir brauchen neue Versorgungsformen, längere Öffnungszeiten, umfassendere Betreuung. Wir wollen die Primärversorgungseinheiten zusätzlich zum Hausarzt weiter ausbauen.

Gegen diese läuft die Ärztekammer aber Sturm.

Rabmer-Koller: Die Kammer ist schon im Vorwahlmodus, denn im März wird dort gewählt. Ich versuche, trotzdem eine gute Gesprächsbasis mit der Kammerspitze aufrechtzuerhalten. Die Lebenswelten der Patienten haben sich geändert und auch die der Ärzte; da können wir nur gemeinsam aktiv werden. Vieles ist eben nicht mehr zeitgemäß. Das muss auch die Ärztekammer einsehen.

Was zum Beispiel?

Rabmer-Koller: Zum Beispiel die Honorarordnung. Wenn die Ärzte länger erreichbar sein sollen, muss ich das durch Pauschalen abgelten. Ich bin für Infrastrukturpauschalen, Fallpauschalen und eine Leistungskomponente. Wenn ein Arzt es zum Beispiel schafft, bei 20 Prozent seiner Diabetespatienten den Zuckerwert zu reduzieren, so soll er dafür einen Bonus erhalten. 

Wie stark belasten die Krankenstände das System?

Rabmer-Koller: Auch das schauen wir uns im Zuge unserer Finanzstrategie an. Die Aufwendungen für Krankengeldfortzahlung steigen kontinuierlich – auf 632 Millionen Euro im Jahr 2015. Besonders stark steigen die Kurzkrankenstände. Daher ist mehr Prävention nötig. Das ist eine gesamtpolitische Aufgabe. Zucker, Bluthochdruck, Rückenleiden sind Zivilisationskrankheiten. Wir dürfen aber auch nicht die Augen vor möglichem Missbrauch bei Krankenständen verschließen.

Das Interview führten die Chefredakteure der Bundesländerzeitungen, für die VN Birgit Entner.

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