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Kommentar

Gerold Riedmann

Hass ist keine Meinung

Österreich hat diese Woche auf brutalste Art und Weise vorgeführt bekommen, wie tief die Standards in sozialen Netzwerken tatsächlich sind. Ein 15-jähriges Mädchen, zusammengeschlagen von einer Jugendgang. Per Smartphone gefilmt, haben über 5 Millionen auf Facebook dabei zugesehen, wie der Teenager misshandelt wurde. Wer Facebook über die entsprechenden Kanäle auf das Video hinwies, erhielt die lakonische Antwort: „Wir haben das von Dir in Hinblick auf wegen Verherrlichung drastischer Gewalt gemeldete Video geprüft und festgestellt, dass es nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards verstößt.“ Ein Schlag ins Gesicht.

 

Facebook löscht jedes Posting, das auch nur den Hauch einer Brustwarze erahnen lässt. Gewaltvideos? Völlig okay! Facebooks Gründer Mark Zuckerberg betont allerorten gern, das soziale Netzwerk sei kein Nachrichtenmedium. Diese völlig sinnfreie Abgrenzung mag reiner Selbstschutz sein: Bei journalistischen Medien würden die Hass-, Nazi- oder Gewalt-Inhalte dafür sorgen, dass zumindest der Presserat (zu Recht) einschreitet oder die Sendelizenz wackelt.

 

Netzwerke haben die Art, wie wir kommunizieren, revolutioniert. Große Vorteile haben sich daraus ergeben. Weite Teile der Bevölkerung mögen sich ein Leben ohne „Gefällt mir“ nicht mehr vorstellen – und der von Algorithmen gesteuerte Nachrichtenstrom ist ein herrlicher Zeit-Totschläger. Passive Berieselung, um jede verfügbare Minute auszufüllen. Doch wir müssen uns spätestens nach der Trump-Wahl darüber unterhalten, wie asozial die sozialen Medien in Wahrheit sind. Und wie stark uns Algorithmen im Alltag beeinflussen.

Harmlos ist anders. Facebook gibt uns stets das Gefühl, mit unserer Meinung goldrichtig zu liegen. Wir bekommen das angezeigt, was uns auf Basis des bisherigen Verhaltens am ehesten gefallen könnte. Facebook, eine Republik der Schulterklopfer. Wirkt wie Aromat, mit viel Geschmacksverstärker. Wir sind gefangen in der Filterblase, auch weil es für jeden von uns nur den einen Newsfeed gibt. Diese Abfolge an Katzenvideos, Nachrichten und Fotos unserer 500 engsten Freunde (!), die völlig intransparent ermittelt wird und nicht geändert werden kann. Meinen die Maschinen, wir wären Trump-Wähler, bekommen wir mehr vom selben angezeigt. Für Demokraten sieht „ihr“ Facebook gänzlich anders aus. Gemeinsamkeiten schwinden. Die Scheuklappen verfehlen ihre Wirkung nicht.

 

Der auch an diesen Stellen verschüttete Hass zerstört den demokratischen Konsens. Durch ständige Bestärkung der eigenen Meinung und Ausblenden von gegenläufigen Inhalten wird die Polarisierung vorangetrieben. Unsere Standpunkte entfernen sich voneinander und die Schnittmenge, die bleibt, schwindet.

Im postfaktischen Zeitalter, in dem Gefühle mehr zählen als Fakten, sind soziale Netzwerke ein Teilchenbeschleuniger für Gerüchte und Verschwörungstheorien. Aus welcher Quelle etwas stammt, das wie Information aussieht? Einerlei. Hauptsache, wir klicken darauf.

Die sozialen Medien verteufeln? Nein – es müssen jedoch überall dieselben Spielregeln gelten. Konzentrieren wir uns in der politischen Auseinandersetzung auf unsere Meinungen und lassen wir den Hass nicht zu. Denn Hass ist keine Meinung. 

gerold.riedmann@vorarlbergernachrichten.at, Twitter: @geroldriedmann, Tel. 05572/501-320

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.

Wir sind gefangen in der Filterblase. Facebook ist eine Republik der Schulterklopfer.

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