IHRE MEINUNG IST UNS WICHTIG!
Hier klicken und mitmachen!

Kommentar

Charles E. Ritterband

Vier starke Frauen

Absurd: In den Vereinigten Staaten hat soeben ein Sexist („Pussygate“) die Wahl der ersten Frau an die Spitze der USA verhindert, obwohl diese ja eine Wählermehrheit hinter sich hatte, und zugleich ist in Europa das Zeitalter der starken Frauen angebrochen. Es sind vier: An der Spitze die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, dann die britische Premierministerin Theresa May, weiter die Frau an der Spitze Schottlands und der schottischen Nationalisten SNP, Nicola Sturgeon, und schließlich die Führerin des rechtsradikalen französischen Front National, Marine Le Pen. Diese Frauen werden, wohl mehr als ihre männlichen Kollegen, die Zukunft Europas mittelfristig bestimmen, eines Europa in stürmischen Gewässern.

Merkel gilt als mächtigste Frau der Welt. May ist zweifellos die mächtigste Frau des Vereinigten Königreichs (dessen Auflösung sie noch als Premierministerin verwalten könnte, wenn alles schiefläuft), und Sturgeon gilt, als Quasi-Premierministerin eines nach Brexit möglicherweise unabhängigen Schottland, als zweitmächtigste Frau Großbritanniens. Und Marine Le Pen? Sie aspiriert auf das Präsidentenamt im zentralistischen Frankreich. Dieses Ziel wird sie nicht erreichen, sehr wohl aber den Status der mächtigsten Frau Frankreichs. Immerhin verfügt ihr Front National seit den Regionalwahlen vor einem knappen Jahr über 27 Prozent der Wählerstimmen. Die 48-jährige Politikerin hat systematisch daran gearbeitet, ihre Partei aus dem extremen Eck in die (wählbare) rechte Mitte zu rücken, ähnlich wie Hofer die FPÖ. Aus ihrer Bewunderung für Donald Trump macht sie keinen Hehl: Sie spricht ähnliche Instinkte und vergleichbare Wählerkreise an, und Trump habe „bewiesen, dass möglich gemacht werden kann, was unmöglich schien“.

Am vergangenen Sonntag hat Merkel ihre Kandidatur für eine vierte, vierjährige Amtszeit angekündigt. Sie polarisiert wie kein deutscher Regierungschef zuvor. Ihre Politik der „offenen Tür“ wird von den einen als verheerend falsches Signal und von den anderen als mutig betrachtet, als bisher kühnster Schritt, die Deutschen endgültig vom Stigma des „Ugly German“ zu befreien. Seit ihrer Ermahnung an Trump, die westlichen Werte und die Grundrechte zu achten, stellt die „New York Times“ sie als letzte Verteidigerin des liberalen Westens auf das Podest der Weltgeschichte. In ihrer bisher sehr kurzen Amtszeit ist May nicht weniger umstritten, vor allem war sie ja in der Regierung Cameron angetreten, um Großbritannien in der EU zu halten, also Brexit zu verhindern. Doch schon als Innenministerin hatte sie sich als Protagonistin eines scharf euroskeptischen Kurses profiliert. Als Premierministerin ist sie unter dem Mantra „Brexit means Brexit“ zur Exekutorin dieser ungeheuren Herausforderung geworden. Wird sie zu einer zweiten „Eisernen Lady“? Auf Fotos gleicht diese zweite Tory-Premierministerin der Geschichte frappierend der jungen Thatcher, und ihr Motto erinnert an das berühmte dreifache „No!“ in Richtung Brüssel. Die neue Ära des krisengeschüttelten Europa wird zum Zeitalter der starken Frauen. Und Österreich? Präsidentenwahlen und wohl bald auch Nationalratswahlen und keine Frau in Sicht.

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).

Die neue Ära des krisengeschüttelten Europa wird zum Zeitalter der starken Frauen.

Artikel 1 von 1
Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Per E-Mail teilen
Entdecken Sie die VN in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.