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Kommentar

Charles E. Ritterband

Es lebe der Kaiser!

Der Kaiser ist tot – es lebe der Kaiser! Ein seltsamer Zufall, fürwahr, dass 1916, vor genau hundert Jahren, der letzte Herrscher der Hofburg verstarb, und dass in wenigen Tagen, 100 Jahre später, ein neuer Kaiser zumindest symbolisch Einzug halten wird in die prunkvollen kaiserlichen Gemächer. Was mir angesichts der nunmehr ihre Tore schließenden Franz-Joseph-Ausstellung im Schloss Schönbrunn aufgefallen ist: Wie katastrophal doch (bei nüchterner Betrachtung) die Herrschaft des immer noch, fast ein Jahrhundert nach dem Ende der Monarchie, innigst verehrten und romantisch verklärten „guten alten Kaisers“ war, mit seinem prachtvollen weißen Backenbart, munter verkitscht im „Weißen Rössl“ und in süßlichen Sissi-Filmen. Am subtilsten hat es Joseph Roth im großartigen „Radetzkymarsch“ zum Ausdruck gebracht, als er über den sterbenden Monarchen schrieb: „Da kann man nichts machen, sagte der Kaiser, denn er war ein Österreicher.“ Gnadenlos titulierte ihn Karl Kraus als „Unpersönlichkeit“, nannte ihn gar „Dämon des Mittelmaßes“.

In wenigen Tagen steht, nach dem längsten Wahlkampf der österreichischen Geschichte, die wichtigste, spannendste und möglicherweise auch folgenreichste Präsidentenwahl in der Geschichte dieser Republik bevor. Manfried Welan, der klügste Verfassungstheoretiker der Nation, stellt fest, dass der künftige Bundespräsident – weit davon entfernt, wie seine Vorgänger eine bloße Repräsentationsfigur zu werden – entscheidende Weichenstellungen vollziehen könnte. Denn, so Welan, „die politische Entscheidung darüber, wer regiert und wer opponiert, liegt nicht beim Volk und dem Ergebnis der Nationalratswahl, sondern beim Bundespräsidenten“. Denn dieser könnte künftig den Auftrag zur Regierungsbildung mit Auflagen in Bezug auf Zusammensetzung und politische Ziele einer künftigen Regierung verbinden. Mit seiner Legitimität durch direkte Volkswahl und den verfassungsmäßigen Kompetenzen, die dem „schlafenden Riesen“ erheblichen Spielraum gewähren, könnte das künftige Staatsoberhaupt letztlich mächtiger werden als selbst der Bundeskanzler. Dies gilt es am nächsten Sonntag zu bedenken.

Schon im Vorfeld hat dieser Urnengang zur Polarisierung und enormen Spaltungen geführt, die nicht nur quer durch das Volk, sondern auch durch die beiden Regierungsparteien gehen. Die Gretchenfrage nach dem möglichen Tabubruch einer künftigen Koalition mit der FPÖ beherrscht den politischen Diskurs. Nur vordergründig geht es da um die Frage, ob man Hofer oder Van der Bellen seine Unterstützung gewährt. Gewiss ist nur: Seit dieser Wahl ist alles anders in Österreich, kaum ein Stein bleibt auf dem anderen. Ein neuer Kaiser wird Einzug halten in die alte Kaiserresidenz – man kann nur hoffen, dass es nicht der „Dämon des Mittelmaßes“ wird.

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).

Man kann nur hoffen, dass es nicht der ,Dämon des Mittelmaßes‘ wird.

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