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Kommentar

Charles E. Ritterband

Die Neue Welt

Als 1893 Antonin Dvorak seine berühmte Symphonie „Aus der Neuen Welt“ komponierte, war Amerika wirklich eine neue, junge, vielversprechende Welt. Heute, nach dem zugleich überraschenden und beunruhigenden Wahlsieg von Donald Trump, ist Amerika über Nacht zu einer alten, ja uralten Welt geworden, zu einer Welt, in der sozialer Fortschritt und Aufklärung nicht stattgefunden haben. Schon einmal, vor wenigen Monaten, am 24. Juni, sind wir mit ungläubigem Staunen erwacht, nachdem eine knappe Mehrheit der Briten für „Brexit“ gestimmt hatte, in einem Referendum, dessen verfassungsrechtliche Bedeutung immer noch keinem klar ist. Werden wir in etwas mehr als einem Monat ebenso fassungslos erwachen und in der Republik Österreich das erste rechtsextreme Staatsoberhaupt zur Kenntnis nehmen müssen? Klar, all das ist Demokratie: Auch Hitler kam auf demokratischem Weg an die Macht. Was dann kam, durfte allerdings niemanden überraschen: Man hatte es gewusst oder zumindest wissen können.

Trumps Triumph freut hierzulande zumindest zwei Politiker, die sich mit ihrem spontanen Jubel einmal mehr selbst desavouieren: HC Strache, dessen Präsidentschaftskandidat Hofer durch Trumps unverhofften Wahlsieg zweifellos Auftrieb erhält: „Die politische Linke und das abgehobene sowie verfilzte Establishment wird Zug um Zug vom Wähler abgestraft und aus diversen Entscheidungsfunktionen herausgewählt“, frohlockt Strache und tönt dabei schon wie der Nationalratswahlkampf seiner FPÖ im kommenden Frühjahr (voraussichtlich). Der ÖVP-Klubobmann Reinhold Lopatka allerdings eifert Strache nach und wirkt mit seiner auf Twitter ausgetragenen Euphorie doch eher befremdlich, indem er Trumps „Make America great again“ zitiert und dessen Versprechen einer rigiden Zuwanderungspolitik als Hauptgrund für Trumps insgesamt sensationelles Wahlresultat bezeichnet.

Die NZZ jedoch sieht die Dinge ziemlich anders als Österreichs Rechte. Dort wird Trump als das bezeichnet, was er ist: ein „aufgeblasener, sexistischer Widerling“, einer jener „Horrorclowns, die mit irrer Fratze unbescholtenen Bürgern Angst einjagen“. Eine präzise und zutreffende Beschreibung. Man schaue sich nur die Mimik und die Körpersprache des künftigen amerikanischen Präsidenten an. Doch offenbar schauten viele Amerikaner nicht so genau hin und auch Lopatka sollte sich vielleicht mal die Brillengläser putzen. Es ist doch erstaunlich, dass ausgerechnet jene, die doch allen Grund hätten, den protzig-angeberischen Trump zu hassen oder doch zumindest zu beneiden – die gesellschaftlich und wirtschaftlich Zukurzgekommenen – den Milliardär am lautesten bejubelten. Es ist eine Neue Welt, fürwahr, aber nicht die fröhlich-harmonische Dvoraks vor über hundert Jahren. Brexit, Trump und vielleicht bald auch Hofer wecken Geister und bestärken Kräfte, deren Wirkung man sich noch gar nicht auszumalen vermag. Die unglaubliche Wahl Trumps ist ein Warn- und Weckruf für die übrige Welt. Eines haben Trump und Hofer jedenfalls gemeinsam: Während Hofer mit seinem „So wahr mir Gott helfe“ in die Wahlschlacht zieht, bezeichnet sich Trump selbst als den „besten Präsidenten, den Gott je erschaffen hat“. Er muss es ja wissen.

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).

Lopatka sollte sich vielleicht mal die Brillengläser putzen.

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