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VN-Streitgespräch. Sebastian Kugler, Offensive gegen Rechts (22), versus Reinhard E. Bösch, FPÖ (56)

Linke Demo oder rechter Ball

von Birgit Entner, Wolfgang Sablatnig

Verhärtete Fronten im Streitgespräch zum Akademikerball: „Werden nicht nachgeben.“

Wien. Reinhard Bösch (FPÖ) und Sebastian Kugler („Offensive gegen Rechts“) könnten am Freitag vor der Wiener Hofburg aufeinandertreffen. Bösch als Besucher des Akademikerballs und Kugler als Teilnehmer der alljährlichen Proteste. Die VN und die Tiroler Tageszeitung luden die beiden zum Streitgespräch.

Herr Kugler, warum lassen Sie die Besucher des Akademikerballs nicht ungestört tanzen?

Kugler: Der Akademikerball ist kein harmloser Tanz­event. Er ist ein Vernetzungsevent der rechtsextremen Szene in ganz Europa. Dort wird rassistische, sexistische Politik vorangetrieben.

Herr Bösch, sind Sie ein rechtsextremer Sexist?

Bösch: Diese Unterstellungen treffen in keiner Weise zu. Ich mache keinen Hehl daraus, dass Leute auf diesem Ball waren, ohne die ich meinen Walzer auch tanzen hätte können. Aber wer lässt sich gerne vorschreiben, wen er auf seinen Ball einlädt?

Woran machen Sie den Vorwurf des Rechtsextremismus fest, Herr Kugler?

Kugler: Die Burschenschaft Teutonia schreibt in ihrer Festschrift von 1968, dass es keine Zweifel gibt, dass das Judentum eine kulturelle und wirtschaftliche Gefahr für unser Volk bildet. Die Burschenschaft war in den 90er-Jahren quasi das größte Rekrutierungsfeld für die militante Neonazi-Szene rund um Gottfried Küssel. (Anm.: Küssel wurde wegen Wiederbetätigung verurteilt.) 2010 hat die Teutonia Flugblätter verteilt, wo gegen Widerstandskämpfer und Wehrmachtsdeserteure im Nationalsozialismus gehetzt wurde.

Bösch: Ich bin Teutone und räume ein, dass wir in den 90er-Jahren Leute hatten, die wir aus der Burschenschaft ausgeschlossen haben. Dass es in früheren Jahrzehnten andere Positionen gab, ist ein Faktum. Genau diese können Sie aber bei allen Parteien heraussuchen, die eine Geschichte haben.

Kugler: Ich bin stolzes Gewerkschaftsmitglied, und der ÖGB hat nie solche Festschriften herausgegeben.

Würden Sie das Zitat über die Juden aus der Festschrift so unterschreiben, Herr Bösch?

Bösch: Das ist vollkommen abzulehnen. Mittlerweile ist eine vollkommen andere Positionierung eingetreten. Heute muss man eine Weiterentwicklung konstatieren und akzeptieren, dass dies nicht mehr Inhalt unserer Politik ist.

Der Wehrmachtsdeserteure wird mit einem Denkmal am Wiener Ballhausplatz gedacht. Unterstützen Sie das?

Bösch: Dass der Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird, ist für mich eine klare Sache. Im Fall der Desertion bin ich dafür, dass eine fallweise Überprüfung stattfinden muss, weil Desertion ein Straftatbestand ist.

Auch in einer Unrechtsarmee?

Bösch: Auch in einer Unrechtsarmee hat dieser Straftatbestand gegolten. Es gibt gute Gründe für eine Desertion, aber es ist von Fall zu Fall zu beurteilen.

Kugler: Nennen Sie mir einen schlechten Grund.

Bösch: Ich diskutiere jetzt mit Ihnen nicht darüber.

2012 hat FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache beim Ball gesagt: „Wir sind die neuen Juden“. Erst kürzlich bezeichnete er seine Gegner als „Sozialistische Antifa“ bzw. „SA“. (Die SA war eine paramilitärische Kampforganisation der Nationalsozialisten.) Wie stehen Sie dazu?

Bösch: Das waren überzogene Äußerungen, die ich weder kommentieren noch mich davon distanzieren möchte. Aber ich distanziere mich von allen radikalen Aussagen, die im Rahmen dieses Balles von unserer Seite gemacht worden sind.

2014 entstanden durch Gegendemos zum Akademikerball Schäden, Ballbesucher wurden mit Farbbeuteln beworfen. Herr Kugler, würde auf Ihrer Seite eine Deeskalation gut tun?

Kugler: Die Eskalation geht davon aus, dass es diesen Event gibt, dass Millionen verschwendet werden, um ihn durch Tausende Polizisten zu schützen. Von der „Offensive gegen Rechts“ geht keine Gewalt und keine Eskalation aus. Wir benutzen unsere Körper, um uns diesem Ball entgegenzusetzen, durch Blockaden, Menschenketten und so weiter.

Stimmen Sie der Initiative „nowkr“ zu, wenn diese sagt, sie könne Gewalt bei den Protesten nicht ausschließen? (Anm.: Das Verbot der nowkr-Demo wurde erst kurz nach dem Streitgespräch bekannt.)

Kugler: Das ist eine Sache, die „nowkr“ sagt. Ich befinde mich aus politischen Gründen bei der „Offensive gegen Rechts“. Ich halte eine Distanzierungsdebatte daher für unangebracht.

Was wäre, wenn Ihnen Burschenschafter am Gewerkschaftstag den Zugang blockieren würden?

Kugler: Ich mache da einen Unterschied zwischen Organisationen mit fast einer Million Mitgliedern, die die Interessen von Arbeitern vertreten, und Organisationen, die auf der Seite der Reichen und Korrupten stehen, die Sexismus und Rassismus schüren, um diese Gesellschaft zu spalten.

Bösch: Die Aktionen, die Sie organisieren, sind gewalttätig. Meine Frau wird angespuckt, mir wird ein Farbbeutel auf den Mantel geworfen. Die halbe Innenstadt wurde in Scherben geschlagen. Und Sie reden hier von legitimem Widerstand. Das ist der Grund, warum wir, die meisten Bürger, auch ÖVP-Politiker, sagen, dass das der neue Faschismus ist. Sie sprechen politisch Andersdenkenden, in diesem Falle uns Freiheitlichen, das Lebensrecht ab.

Herr Bösch, gehen Sie zum Ball, um zu tanzen oder um ein politisches Zeichen zu setzen?

Bösch: Nur um zu tanzen.

Wo liegt jetzt eigentlich der Unterschied zwischen dem früheren WKR-Ball und dem heutigen Akademikerball?

Bösch: Am Veranstalter. Es ist nicht mehr der Wiener Korporationsring, sondern die FPÖ. Die Gäste sind die gleichen.

Herr Kugler, würden Sie noch gegen den Ball demonstrieren, wenn er nicht mehr in der Hofburg oder in einem ähnlichen repräsentativen Gebäude stattfinden würde?

Kugler: Auf jeden Fall.

Streitgespräch: Bösch (r.): „Da müssten Sie, mein junger Freund ...“. Kugler: „Ich bin nicht Ihr Freund.“ Holzner
Streitgespräch: Bösch (r.): „Da müssten Sie, mein junger Freund ...“. Kugler: „Ich bin nicht Ihr Freund.“ Holzner

Dort wird rassistische, sexistische Politik vorangetrieben.

Sebastian Kugler

Sie sprechen politisch Andersdenkenden das Lebensrecht ab.

Reinhard Bösch

Zur Person

Dr. Reinhard E. Bösch

FPÖ-Nationalratsabgeordneter, Alter Herr bei der Burschenschaft Teutonia

Geboren: 16. 01. 1959, Dornbirn
Studium: Rechtswissenschaften, Geschichte, Germanistik in Wien

Laufbahn: Bibliothekar, Oberst, zuerst Landtags-, Bundesrats-, dann Nationalratsabgeordneter

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