Weil einem der eigene Körper und die eigene Haut doch am nächsten sind

Kultur / 23.09.2015 • 19:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Barbara Graf rückt dem Körper mit Nadel und Faden zu Leibe. Foto: AG
Barbara Graf rückt dem Körper mit Nadel und Faden zu Leibe. Foto: AG

Die Schweizer Künstlerin Barbara Graf zeigt in der Galerie „allerArt“ Körpertransformationen.

BLUDENZ. (VN-ag) Inmitten der Ausstellungsreihe „Künstlerduos und Künstlerpaare“ liefert die Schweizer Künstlerin Barbara Graf kurzfristig und bedingt durch ihre zwischenzeitlich veränderten Lebensumstände bei „allerArt“ ein Solo. Ein Solo, das mit seiner eigenwilligen, dichten Topografie von Körperlichkeit den Ausstellungsraum mehr als besetzt.

Anatomische Gewänder

Im Mittelpunkt der künstlerischen Auseinandersetzung der 1963 in Winterthur geborenen, in Wien und der Schweiz lebenden und arbeitenden Lassnig-Schülerin Barbara Graf stehen der (weibliche) Körper und seine Hüllen. „Anatomische Gewänder“, wie die in Bludenz gezeigten „Brust-Schichten“ oder „Hand-Brust-Schichten“ betitelt sind, beschäftigen die Künstlerin als eigenwillige Entwürfe von Körperlichkeit, innerhalb derer sie dem Körper mit Nadel und Faden zu Leibe rückt, seit etlichen Jahren.

Zwischen Auflösung und Manifestation bestehen diese mehrteiligen Installationen aus genähten textilen Körperfragmenten, zerlegt in Einzelteile, geschichtet wie ein Geländemodell mit Höhenlinien, aber durch die angebrachten Haken und Ösen Funktionalität und eine Verbindung suggerierend, versehen mit einer Bedienungsanleitung und einer ebenfalls textilen Tasche, die handliche Aufbewahrung und nomadisches Transportbehältnis zugleich ist. Auf den Körper zugeschnitten und Leiblichkeit evozierend, ohne dass der Körper selbst präsent wäre, geht es für die Künstlerin weniger darum, diese Gewänder zu tragen, als vielmehr um die Konzeption von Körperlichkeit, sowohl in der Gestaltung als auch in der Darstellung.

Haut und Falten

Dass einem der eigene Körper und die eigene Haut am nächsten sind, wird in den Körpertransformationen von Barbara Graf nicht nur bildlich vor Augen geführt, sondern auch physisch bewusst. Die Kleidung als zweite Haut, schützende Hülle und verletzlicher Überzug, als Innen und Außen, schafft Nähe und Distanz. Falten, als Ereignisse in den Körper eingeschrieben, sind ein weiteres Thema der Künstlerin. In Form von gestickten Zeichnungen und materialisierten Linien, in einer Farbigkeit, die unmittelbar mit der Anatomie verknüpft ist und in durchscheinendes Gewebe wie medizinische Gaze eingenäht, sind die textilen Bilder performatives Mittel der Inszenierung, wie die Fotoreihe „Faltenlinien 6 – Bandage (Face Mapping)“ belegt.

Barbara Grafs Arbeiten erscheinen ebenso flüchtig wie präsent. Durch ihre Materialität an Fleischlichkeit angelehnt, oszillieren die gezeigten textilen Werke, Fotografien und Zeichnungen zwischen einer kühl-analysierenden, fast wissenschaftlichen Annäherung und einer poetisch-emotionalen Bildsprache, die das Körperempfinden und die Darstellung des menschlichen Körpers thematisieren.

Zur Person

Barbara Graf

Geboren: 1963 in Winterthur

Ausbildung: Hochschule für Gestaltung in Zürich, Universität für angewandte Kunst in Wien (Prof. Maria Lassnig)

Laufbahn: zahlreiche internationale Ausstellungen, Lektorin für textiles Gestalten an der Universität für angewandte Kunst in Wien, Mitarbeit an interdisziplinären Forschungsprojekten wie „Surgical Wrappings“ oder „CORPOrealities“

Wohnorte: Wien und Winterthur

Geöffnet in der Galerie „allerArt“, Remise, Am Raiffeisenplatz 1, in Bludenz, bis 18.Oktober, Mi bis Sa, So und Feiertag, 15 bis 18 Uhr.