Teuflischen Ritt über den Atlantik überlebt

Vorarlberg / 13.01.2016 • 19:45 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Abenteurerin ruderte alleine über den Atlantik.   
Die Abenteurerin ruderte alleine über den Atlantik.   

Janice Jakait ruderte alleine über den Atlantik. Bei der AK Vorarlberg hielt sie einen Vortrag.    

Feldkirch. Janice Jakait (38) war wegen Depressionen in Behandlung. „Ich hatte alles im Leben, wovon man glaubt, dass es einen glücklich macht: einen Job, eine Partnerschaft, eine schöne Wohnung. Trotzdem hat mir im Leben etwas gefehlt. Ich wusste nicht, wozu ich auf der Erde bin“, erinnert sie sich an die Jahre, in denen sie todunglücklich war und verzweifelt nach Sinn suchte.

„Brauche so ein Abenteuer“

Im Jahre 2000 las die IT-Beraterin im Internet einen Artikel über Toni Murden, die als erste Frau den Atlantik allein in einem Ruderboot überquert hatte. „Alle Dunkelheit ist nur im Kopf.“ Dieser Satz, den Murden nach ihrer Rückkehr sagte, ging Jakait nicht mehr aus dem Kopf. Die Heidelbergerin zog daraus den Schluss, „dass ich für meinen eigenen Unfrieden selbst verantwortlich bin“. Als Jakait neun Jahre später im Marinemuseum in San Francisco ein Ruderboot sah, mit dem zwei Männer den Pazifik überquert hatten, dachte sie sich: „Ich brauche auch so ein Abenteuer.“ Sie fällte innerlich die Entscheidung, es Murden gleichzutun.

Zwei Jahre bereitete sich Jakait darauf vor. Sie machte Segel-, Wetter-, Funk- und Navigationskurse. „Auch Rudern lernte ich ein bisschen.“ Leicht übergewichtig und nicht wirklich fit, stach sie im November 2011 in Portugal in See. Es galt, 6500 Kilometer auf hoher See zu bewältigen. „Ich flüchtete als jemand, der in der Hölle lebte, und dem es egal war, ob das Meer sein Grab wird.“ Schon in der zweiten Nacht auf See war sie psychisch am Ende. Jakait war in eine Schifffahrtslinie geraten. Dort waren viele Containerschiffe unterwegs. Es bestand akute Kollisionsgefahr. Außerdem litt sie an schwerer Seekrankheit. „Ich hatte Halluzinationen und eine Panikattacke um die andere.“ Sie kämpfte dagegen an. „Doch irgendwann hatte ich keine Kraft mehr zum Kämpfen. Ich brach zusammen und legte mein Schicksal in die Hände des Meeres.“ Als sie sich ergab, passierte etwas Eigenartiges. „Ich wurde aus meinem Kopf in die Wirklichkeit katapultiert. Die Tür zur Wirklichkeit, zu Gott, ging auf. Plötzlich war ich in der Gegenwart. Ich entdeckte, dass es nur das ewige Jetzt gibt. Das Denken hörte auf und ich war in einem Zustand völliger Liebe. Nie im Leben habe ich mich so frei gefühlt.“

Stürme und Gewitter überlebt

Aber die Reise hatte erst angefangen. Sie war noch lange nicht zu Ende. Todesangst wurde auf dieser Überfahrt zu ihrer ständigen Begleiterin. „Die hatte ich fast jeden Tag einmal.“ Sie überlebte Seegewitter und Stürme mit acht Meter hohen Wellen. Auch Haie, die sich an ihrem Boot rieben, zerrten an ihren Nerven. Als sie nach 90 Tagen ihr Ziel in Barbados erreichte, war sie ein anderer Mensch. Die Depressionen waren wie weggeblasen. Aus der lebensmüden Naturwissenschaftlerin, deren Götter Einstein und Heisenberg waren, war eine spirituelle Frau geworden, die das Leben liebt. „Ich berausche mich am Leben, an seinen Höhen und Tiefen.“ Die Tiefen schrecken sie nicht mehr. Denn: „Das Schlimmste, was geschehen kann, ist mir schon passiert.“

Der teuflische Ritt über den Atlantik veränderte nicht nur sie radikal, sondern auch ihr Leben. „Ich mache heute das, was mich erfüllt.“ Jakait, die mit „Tosende Stille“ einen Bestseller schrieb und bereits an einem zweiten Buch arbeitet, lebt die Träume ihrer Jugend. „Ich wollte Schriftstellerin werden und einen Leuchtturm kaufen.“ Sie musste schmunzeln, als bei einer Lesung eine Besucherin meinte, der Leuchtturm sei sie selbst. Sie sieht es heute als ihre Aufgabe, Menschen zu zeigen, dass man aus Krisen rauskommen kann, wenn man den Mut hat, ganz in sie hineinzugehen. „Wenn man an den Punkt kommt, wo man nicht mehr weiterweiß, hört man auf zu denken. Was übrig bleibt, ist das, was man wirklich ist: reines Sein.“

Ich flüchtete als jemand, der in der Hölle lebte, und dem es egal war, ob das Meer sein Grab wird.

Janice Jakeit
Janice Jakait bei ihrer Ankunft in Barbados. Hinter ihr liegen 6500 Kilometer auf hoher See.  Fotos: Janice Jakeit
Janice Jakait bei ihrer Ankunft in Barbados. Hinter ihr liegen 6500 Kilometer auf hoher See. Fotos: Janice Jakeit