Glück gehabt

18.10.2013 • 16:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
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Dorothee Sölle schrieb einen Brief an den Tod: „Dear Mr. Death, ich habe eine Bitte an Sie und wünsche mir, dass Sie diese Nachricht durchlesen und an einen Zuständigen weitergeben. Seit über dreißig Jahren lebe ich in einer großen Liebe. Ich habe keine Angst vor Ihnen, Mr. Death. Was ich fürchte, ist das Alleingelassenwerden, wenn mein Lache- und Weinepartner von mir fort muss.“ Weiter schreibt sie: „Vielleicht ist seine Liebe größer als meine, obwohl ich das nicht gerne zugebe. Manchmal vermute ich, dass Liebe – falls wir wissen, was wir mit diesem Wort sagen – das einzige ist, wovor Sie Respekt haben. In diesem Sinn möchte ich Sie bitten, uns nicht zu trennen.“

widersprüchlich

Dorothee Sölle war eine der bekanntesten evangelischen Theologinnen, die sich in der Friedens-, Frauen- und Ökologiebewegung engagiert hat. Sie veröffentlichte über 30 Bücher und Gedichtbände zu religiösen und politischen Themen. Sie war ein widersprüchlicher Mensch, und das war ihre Stärke. Die einen sagen, sie habe das Glaubensbekenntnis zertrümmert. Die anderen sagen, ohne sie wären sie nicht in der Kirche geblieben. Die einen sagen, sie habe das Evangelium für ihre politischen Zwecke missbraucht, andere haben ihrer Mystik misstraut, weil sie ihnen zu unpolitisch war. Sie konnte weder von den Frommen noch von den Politischen ganz eingefangen werden.

Im Jahr 2002 hat Dorothee Sölle Bregenz besucht. Sie war Gast beim internationalen ökumenischen Bodenseekirchentag und hielt da einen Vortrag. Die evangelische Kirche war voll, als die kleine, zierliche Frau mit dem Pagenkopf ans Pult trat und mit zorniger Leidenschaft über das Christentum der Zukunft sprach, das ökumenisch, feministisch und mystisch sein wird.

kämpferisch

Der Mystik muss mehr Raum eingeräumt werden. Sie ist die eigentliche Kraftquelle der Kirchen, die aufhören sollen, sich vorwiegend zu verwalten und in theologischen Höhen zu schweben. Aber bitte keine esoterische Mystik, die jeder Mode hinterherläuft, sondern eine, die nach Erfahrungen unter der Oberfläche sucht. Die Sehnsucht nach Tiefe – gerade bei jungen Menschen – ist vorhanden. Viele versuchen ihren Hunger bei „Fast-Food-Religionen“ zu stillen. Sie tun es, weil es so wenige gibt, die plausibel und verständlich über ihre Beziehung zu Gott sprechen und sie leben.

Die Gottvergessenheit wächst. Das fast ausschließlich auf die Ökonomie beschränkte System erzieht die Menschen zum Konsumieren, das alle anderen Bedürfnisse im Menschen verkümmern lässt und einen Super-Individualismus fördert, der alles ausgrenzt, was störend wirkt: das Altsein, die Behinderung, Armut und Krankheit.

fromm

Dabei bringt unsere so „altmodische“ Religion uns bei, dass der Weg zu Gott über den Nächsten führt. Das heißt, über einen Menschen, mit dem man nicht verwandt, für den man nicht einmal verantwortlich ist im klassischen Sinn, der aber merkwürdigerweise in der Nachbarschaft wohnt. Die Mystiker nennen diesen Weg „Ich-Entgrenzung“. Christen müssen sich heute an denen „unten“ orientieren. Das heißt: Solidarität mit den Ärmsten üben, frei werden von der Ego-Besessenheit, frei werden vom Konsum, frei werden von der Angst, nicht mithalten zu können. Kurz: an die größere Freiheit glauben, die Christus versprochen hat.

Im Jahr darauf – 2003 – ist Dorothee Sölle an einem Herzinfarkt gestorben. Ihr letzter Vortrag trug den Titel „Gott und das Glück“. Jetzt – zehn Jahre nach ihrem Tod – hat Fulbert Steffensky, ihr Mann, ein ehemaliger Benediktinermönch und Theologieprofessor, gerade 80 geworden, ihr ein „Nachwort“ gewidmet. Er fragt zuerst, ob man Toten gegenüber das letzte Wort behalten darf. „Aber diese Frau ist mir zu wenig tot, als dass ich nicht weiter mit ihr redete, sie befragte und mit ihr stritte. Sie ist tot, und sie lebt.“

spielerisch

Dorothee Sölle war kein Mensch matter Gefühle. Ihre Ungeduld war Gabe eines gebildeten Herzens, das fähig ist, das Unrecht zu sehen und das Recht herbeizuwünschen. Sie hat gekämpft, gearbeitet, diskutiert, sich eingemischt, den Mund nicht gehalten. Und doch war sie zuhause im Spiel. Sie hat Klavier gespielt, hat im Kirchenchor gesungen, hat mit ihren Enkeln herumgetollt, hat Gedichte gelesen und geschrieben, hat gebetet und Gottesdienste besucht. Sie war daheim in diesen „nutzlosen“ Köstlichkeiten.

Ihre Gelassenheit in allem Zorn hatte einen Grund, den sie in ihrem letzten Vortrag so formuliert hat: „Wir beginnen den Weg zum Glück nicht als Suchende, sondern als schon Gefundene.“ Man kann es auch Gnade nennen.

Wolfgang Olschbaur, Schwarzach, evangelischer Pfarrer i. R.
Wolfgang Olschbaur, Schwarzach, evangelischer Pfarrer i. R.