Wohin mit Leid und Tod? – Sehen der ganzen Realität

Vorarlberg / 13.04.2017 • 14:51 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Dr. Karoline Artner, Werk der Frohbotschaft Batschuns.
Dr. Karoline Artner, Werk der Frohbotschaft Batschuns.

Im Mittelpunkt des christlichen Glaubens steht heute die Passionsgeschichte – im doppelten Sinn des Wortes „Passion“: Leiden und Leidenschaft – also die Geschichte des Leidens des leidenschaftlichen Jesus. Die Passionsgeschichte hat diese aktive und passive Seite.

Der Ganz-Blick

In früheren Zeiten hat man oft die Leidenschaft Christi übersehen, die ihn in das Leiden hineinführte. Der Schmerzensmann wurde dann zum Urbild stummer Ergebenheit in ein trauriges Schicksal. Heute ignoriert man – gerade in unseren Breiten – gern das Leid, betäubt den Schmerz und beraubt sich selbst der Gefühle. Wir wünschen so sehr, das Kreuz hinter uns zu lassen. Der Karfreitag ermutigt uns dagegen, Leiden wahrzunehmen, uns ihm zu stellen. Dies könnte heißen, jung, reich, fit und schön nicht als die höchsten Ideale zu sehen; von gut gemeinten Ratschlägen wie „Stürz dich in die Arbeit, dann vergeht der Schmerz“ sich nicht ruhigstellen zu lassen. Der leidende Mensch ist in keinem Moment entfernter vom Leben als der gesunde. Wir können Leiden und Gräuel weder ganz verstehen noch erklären. In den schrecklichen Auseinandersetzungen unserer Zeit wird dies deutlich. Alle Erklärungsversuche scheinen zu kurz zu greifen, sind in der Gefahr, das Leid der Opfer zu verharmlosen und zu verzwecken. Leiden ruft nicht nach Erklärung, es verlangt nach Mitleiden. Das ist eine Botschaft des Karfreitags, die nicht immer leicht auszuhalten ist.

Auferstanden heißt: Sehen der ganzen Realität

Eine „auferstandene“, eine sich erneuernde Wirklichkeit beginnt mit dem Blick auf die ganze Realität – meines Lebens und des Lebens unserer heutigen Welt. Dazu ist es auch notwendig, den Finger in die Wunden zu legen und sie nicht zu verleugnen – oder sie herunterzuspielen: Alles nicht so schlimm; es wird schon … Die Kirche (wie auch die Politik) steht oft in der Gefahr, die dunklen Seiten zu leugnen, zu verschleiern. Die letzten Jahrzehnte sind der Versuch eines „Sich-Stellens“. Wenn wir nur die „siegreiche Seite“, die Seite, der alle applaudieren, ansehen, kann es nicht zu einer Erneuerung kommen, weil dann nicht die gesamte Wirklichkeit gewandelt werden kann. Und der „Moder“ der Vergangenheit wuchert weiter, bis er, öffentlich geworden, „zum Himmel stinkt“. Deshalb ist der Ganz-Blick, das unerschrockene Hinsehen, im wahrsten Sinne not-wendig, damit das Neue eine Chance hat: weil so auch das Dunkle ans Licht kommen und als Dünger für die Zukunft fruchten kann.

Das Kreuz und der Tod Jesu

Kein Ereignis kann den Fluss des Lebens so unterbrechen wie der Tod. Besonders der plötzliche oder der gewaltsame Tod erschüttert unser Vertrauen in die Welt, in das Gute und nicht zuletzt auch in Gott selber. Fassungslos stehen wir oft vor der Tatsache, dass Naturereignisse – wie jetzt in Kolumbien – und auch Menschen, wie z. B. in Syrien – Leben fördern, aber auch vernichten können. Wie von einer dunklen Macht angetrieben, werden Menschen immer wieder zu Tätern und Täterinnen. An dieser äußersten Grenze stellt sich auch die radikalste Frage des Menschseins: Gibt es eine Macht, die Tod und Zerstörung beenden kann?

Das Kreuz Christi steht mitten unter den zahllosen Kreuzen, die die Wege der Gewalthaber und Gewalttäter säumen. Vom ermordeten Erzbischof von San Salvador, Oscar Arnulfo Romero berichtet John Sobrino: „In den Gekreuzigten der Geschichte vergegenwärtigte sich ihm der gekreuzigte Gott … In den Augen der Armen und Unterdrückten seines Volkes erblickte er das entstellte Antlitz Gottes.“

Das Kreuz Jesu ist also nicht Leid-Verherrlichung, sondern Konsequenz des geraden Weges und des leidenschaftlichen Lebens. Darin werden die Schwachheit und das Leid der Menschen nicht ausgeklammert, sondern ernst genommen und gewandelt werden.

Michelangelo, dessen Leben vom kompromisslosen Willen zur vollendeten Kunst und Schönheit geprägt war, er, der früher gesagt hatte, dass die Schönheit, die zu malen und zu meißeln er sich anschickte, uns zum Himmel trage, fasste in einem seiner letzten Sonette seine durch viel Leid gewonnene Lebenserkenntnis zusammen:

„Nicht Malen und Meißeln stillt mein Sehnen.

Die Liebe nur, die selbst den Tod nicht scheuend,

vom Kreuz die Arme uns entgegenbreitet.“

Foto: Fotolia

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