Licht für mein Leben

21.04.2017 • 14:55 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Immer mehr wird es für mich ein berührender Augenblick, wenn in der Osternacht eine große Kerze mit ihrem Licht in das Dunkel der Kirche getragen wird. Ein ganzes Jahr soll sie Menschen begleiten. Mit dieser Kerze dürfen wir hoffen, dass Licht ins Dunkel kommt, Hoffnung in die Hoffnungslosigkeit, Trost in Trostlosigkeit, Liebe in Hass, Frieden in Krieg, Leben in den Tod, Gott in die Gottferne.

Dieser Ritus bedeutet für uns immer wieder, dass Licht auch in unser Leben kommt.

Wenn Du kein Licht mehr siehst

Manchmal aber können wir das Licht nicht erwarten, da bleibt es dunkel in unseren Seelen. Da hat ein Mystiker einen guten Rat gegeben, indem er meint: „Wenn Du keine Liebe erfährst, dann fange an zu lieben und du wirst Liebe erfahren.“

Das heißt auch: Wenn du kein Licht mehr siehst oder erfährst, dann nimm Licht in die Hand und du wirst Licht finden.

Hilde Domin hat viel Dunkel und Zerbrechen in ihrem Leben erfahren. Sie musste ihre Heimat Deutschland verlassen, dann den Fluchtort Italien und lebte in der Dominikanischen Republik, von der sie den Namen übernommen hat. Dort erlebte sie das Zerbrechen ihrer Ehe. Sie schreibt ein wunderschönes Gedicht über die schwersten Wege: Darin meint sie:

Die schwersten Wege werden alleine gegangen,

die Enttäuschung, der Verlust, das Opfer sind einsam.

Und sie meint am Ende des Gedichts, wenn man trostlos durch die dunklen Katakombengänge des Schicksals geht, dann soll man selbst eine Kerze in die Hand nehmen:

Nimm eine Kerze in die Hand wie in den Katakomben,

das kleine Licht atmet kaum.

Und doch. wenn du lange gegangen bist,

bleibt das Wunder nicht aus, weil das Wunder immer geschieht, und weil wir ohne die Gnade nicht leben können:

die Kerze wird hell vom freien Atem des Tags,

du bläst sie lächelnd aus, wenn du in die Sonne trittst

und unter den blühenden Gärten die Stadt vor dir liegt,

und in deinem Hause dir der Tisch weiß gedeckt ist.

Und die verlierbaren Lebenden und die unverlierbaren Toten dir das Brot brechen und den Wein reichen –

und du ihre Stimmen wieder hörst ganz nahe bei deinem Herzen.

Osternacht schenkt uns Licht

Die Osternacht schenkt uns ein Licht, das uns durch die Katakomben der Enttäuschungen des Lebens führt, das uns Wärme schenkt, wenn es um uns kalt geworden ist und unsere Seele fröstelt, wenn wir einsam geworden sind, weil der Tod uns den besten Menschen geraubt hat. Hier wird uns ein Licht geschenkt, das uns wieder Farben sehen lässt im Leben, in dem alles grau und eintönig geworden ist. Dieses Licht lässt uns die Nähe der unverlierbaren Toten erfahren. Hier wird uns ein Licht geschenkt, weil wir in dem seelenlosen Leben wieder eine Seele finden können, in der gottentfremdeten Welt wieder das Göttliche entdecken können.

Der Auferstandene entzündet uns ein Licht, wenn wir uns auf seine Botschaft einlassen, wenn wir sein Mahl feiern, wenn wir uns auf die Trauer anderer einlassen oder uns von ihrer Freude anstecken lassen. Dann wird die Welt hell und lebbar, sodass wir in ihr ein Fest feiern können, ein Fest der Auferstehung. Wenn in der Osternacht die Glocke läutet, die schon Faust fasziniert hat, dann wird mit diesem Glockenschlag ein neuer Herzschlag geschenkt, da zieht Liebe ein.

Ich wünsche uns allen, dass wir diese Hoffnungskerze in die Hand nehmen können, die in einsamen und trostlosen Stunden uns Licht schenkt, das Tränen trocknet und uns bedeutet, er geht uns den Weg voraus und deckt uns den Tisch. Ostern ist.

Rudolf Bischof, Generalvikar, Feldkirch
Rudolf Bischof, Generalvikar, Feldkirch