Gibt es ein Leben vor dem Tod?

02.02.2018 • 15:59 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Diese Frage beschäftigt mich eigentlich immer schon. Sie wird für mich drängender, wenn ich die vielen „tödlichen Strukturen“ ansehe, die Menschen aufbauen. Da lese und höre ich durch verschiedenste Medien, dass Autokonzerne Abgastests an Menschen und Affen durchgeführt haben. Es geht dabei um eine „Kurzzeit – Inhalationsstudie mit Stickstoffoxid“. Stickstoffoxid (NO2) ist der Schadstoff, der unter anderem auch bei Autos ausgestoßen wird. Stickstoffoxid ist der Schadstoff, dessen Messwerte jahrelang manipuliert worden sind, um die gesetzlichen Grenzwerte einzuhalten. Also: wieviel „Gas“ verträgt der Mensch gerade noch? Dass es dabei einzig und allein letztlich „ums Geld“ und um eine rücksichtslose Gewinnmaximierung geht, ist allen klar. Leben spielt hier keine Rolle!

Gibt es ein Leben vor dem Tod?

Diese Frage ist auch zu stellen angesichts der widerwärtigen Situation für viele Menschen in Syrien, im Nahen Osten, in Afghanistan. Krieg, Terror, Hunger, Bomben, keine medizinische Versorgung … Wenn sich viele darüber aufregen, dass Menschen aus diesen Gebieten ein Leben in Frieden und Freiheit suchen und sich dorthin auf den Weg machen, wo dies möglich erscheint – wie würden wir uns verhalten, wären wir Tag für Tag, Stunde für Stunde, solchen Repressionen ausgesetzt? Wenn es zudem noch „demokratisch gewählte“ Staatsführer gibt, die Auseinandersetzung, Krieg und Vertreibung von Völkergruppen auf „ihre Fahne“ geschrieben haben, Blut und Vertreibung als legales Mittel ansehen, um den eigenen Machtanspruch durchzusetzen; mit Atombomben und Raketen drohen – und wir selber wären mitten drin – würden nicht wir auch „weggehen“, eine (letzte) Chance für uns und unser Leben (vor dem Tod) suchen?

Gibt es ein Leben vor dem Tod?

Angesichts einer spürbaren klimatischen Veränderung, die es auch durch unser „Immer-mehr-haben- Wollen“ (und das um jeden Preis?) gibt, wird die Frage nochmals drängender! Wir haben es hier in Europa mit vielen Fluchtursachen zu tun. Noch gar nicht eingerechnet, was alles kommen könnte, angesichts einer drohenden Wasser- und Lebensmittelknappheit in Afrika und des steigenden Meeresspiegels.

Gibt es ein Leben vor dem Tod?

Wem gestehen wir dieses „Leben vor dem Tod“ zu? Auch bei uns gibt es immer noch Strömungen, die das Leben anderen absprechen, weil sie einer anderen Religion, einer anderen Kultur angehören! Es ist erschreckend, dass viele Menschen nichts, rein gar nichts, aus der Geschichte gelernt haben und weiterhin menschenverachtend unterwegs sind. Ich habe schon vor vielen Jahren einmal in den „Gedanken zum Sonntag“ darüber geschrieben – und bekam ziemlich „eindeutige Post“, mit dem Hinweis, dass ich „zu jung“ sei, um überhaupt darüber sprechen zu können. Darauf habe ich geantwortet mit dem Hinweis, dass ich sehr wohl darüber sprechen kann, zumal ich nur deswegen auf der Welt bin, weil der Zweite Weltkrieg beendet worden ist. Erklärung dazu: Mein Vater war Mitglied einer Widerstandsbewegung, wurde von der Gestapo verhaftet und sollte ins KZ nach Dachau gebracht werden. Es kam nicht dazu; mein Vater kam frei und aus seinen Erlebnissen kann ich bis heute erzählen.

Gibt es ein Leben vor dem Tod?

Menschen sind auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit, nach Sinn und Lebensbejahung. Tag für Tag erfahren welche, dass sie „nichts wert“ sind. Am Abend findet man sich „lieb“ – am Morgen findet man sich „zum Kotzen“. Ausgenützt und missbraucht – das soll „Leben“ sind? Kinder erfahren Tag für Tag, dass sie „Ballast“ sind und die „Selbstverwirklichung“ (was immer man auch darunter verstehen möchte) verhindern. Endlos scheint diese Liste zu werden, für jene, die nicht „zum Leben“ kommen: Gier, Unmenschlichkeit, Machtanspruch um jeden Preis, Gottesferne und Neid behindern „das Leben vor dem Tod“!

Gibt es ein Leben vor dem Tod?

Danke Gott und denjenigen Menschen, die dein Leben reich und geglückt manchen! Und vergiss bitte nicht: Der Christ ist – aufgrund seiner Taufe und seiner Firmung – ein Mensch, der keinerlei „tödliche Strukturen“ aufbaut, da ihm – von Seiten Gottes her – Leben zugesagt ist (über sein eigenes Sterben hinaus); der Christ ist ein lebensbejahender Mensch, für sich, für alle anderen. Jede Art der Lebensverneinung hat mit dem Christsein genauso viel zu tun, wie ein Eisbär mit der Wüste Sahara!

Roland Trentinaglia, Pfarrer in Hohenweiler, Hörbranz und Möggers.
Roland Trentinaglia, Pfarrer in Hohenweiler, Hörbranz und Möggers.