Sich erschüttern und wandeln lassen

Vorarlberg / 30.03.2018 • 17:26 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Die Begegnungen mit dem Auferstandenen in der Bibel zeigen: Die Osterbotschaft (Joh 20,1-18) ist nicht wie ein Zeitungsbericht zu lesen und Gott ist nicht das Ergebnis von Argumenten.

So sind wir es gewohnt: Was zu Fall kommt, bleibt liegen. Wer obenauf ist, triumphiert. Was tot ist, bleibt tot. Ostern aber wirbelt unsere Ordnung durcheinander.

„In aller Früh, als es noch dunkel war“ (Joh 20,1)

Da wird der Morgen erwähnt. Es ist die Grenze zwischen Nacht und Tag, zwischen Dunkelheit und Licht. Wir erwachen aus Unbewusstheit und Dämmerzustand zum klaren Denken. „Da dämmert mir etwas“, sagt man, wenn uns über eine Sache allmählich ein Licht aufgeht.

Da ist also die für das menschliche Auge zunächst sichtbare Wirklichkeit: ein umgewälzter, weggerollter Stein. Das Grab ist offen – eine mehrdeutige Situation. Das offene und leere Grab ist kein Beweis für Ungläubige. Es ist Sache der Glaubenden, die Osterbotschaft in die Welt zu bringen. Resonanz wird diese nur dann haben, wenn Menschen damit auch entsprechende Erfahrungen verbinden können. Wo Christinnen und Christen eher als Lebensneider und Neiderinnen denn als Ermutiger und Ermutigerinnen zum Leben erfahren werden, bleibt die Ostererzählung unglaubwürdig. Der entscheidende Schritt vollzieht sich da, wo sich Frauen und Männer beauftragt wissen, Leben behindernde Steine aus dem Weg zu räumen. Das Geschehen der Aufweckung und des Aufstehens ereignet sich täglich in unseren kleinen Lebenswelten, wenn verzweifelte Menschen wieder einen Geschmack am Leben verspüren. Wie Maria von Magdala brauchen wir dazu manchmal „Engel“, die buchstäblich vom Himmel heruntersteigen, denn Veränderung und Lösung geschieht nicht allein durch die Leistung des Menschen. Ostern heißt auch, das Geschenk der Rettung anzunehmen.

Die Mitte der Nacht ist der Beginn des neuen Tages

Ostergeschichten haben einen Überraschungscharakter. Sie kennen vielleicht die Erfahrung, an einem absoluten Tiefpunkt angelangt zu sein: ein großer Verlust, eine schwierige Diagnose, eine tiefe Abwertung der Person, eine unlösbar scheinende Situation. Vergeblichkeit legt sich wie ein Stein auf das Herz. Aber während uns noch die Frage plagt: „Wer wird den Stein wegwälzen?“ können wir erleben: Umgewälzt liegt der Stein da. Das Lähmende, Tödliche hat seine Macht verloren, die Situation hat sich geändert – über Nacht. Solche Erfahrungen liegen ganz nah an Ostern. Das Böse, die Schuld, der Tod – sie behalten nicht das letzte Wort über unser Leben.

Die Bilder der Ostererzählungen reißen mich aus meiner Berechenbarkeit, aus meiner Determination heraus und helfen, über mich selbst hinauszuwachsen.

Nicht wiederzuerkennen

In allen Berichten über die Begegnung mit dem Auferstandenen findet eine Wandlung der Jünger/innen statt. Sie sind nicht wiederzuerkennen. Es ist eine höchst existenzielle Form des Erkennens, der ganze Mensch wird neu. Gott ist nicht Ergebnis von Argumenten. Es geht um Empfindungen, um das, was uns anrührt – die Erkenntnisweise der großen Heiligen und Mystiker.

Hier kann man auf die Gewissheit all derer hinweisen, die für den Glauben und ihre Überzeugung bis in den Tod gegangen sind: die frühchristlichen Märtyrer, die Männer und Frauen des Widerstands im Dritten Reich, Christen in den verfolgten Gebieten der Welt. Mit dieser Art von Gewissheit ist nicht die wissenschaftliche Erkenntnis des äußerlich Wahrnehmbaren als Ergebnis der Forschung gemeint. Diese zielt auf objektive Tatsachen. Hier geht es um die Wirklichkeit der Bedeutsamkeiten, der Beziehungen. Um den Anderen/die Andere zu erkennen, ist die Ebene der Bedeutsamkeit entscheidend; dies gilt sowohl im menschlichen Zusammenleben als auch im Tiefsten und Letzten für die Beziehung zu Gott.

Auferstehen hat mit aufstehen zu tun

Auferstehung bzw. Auferweckung ist im neutestamentlichen Sprachgebrauch gleichbedeutend mit Aufstehen und Aufwecken, wird mit Worten aus der Alltagserfahrung benannt. Es ist dieselbe Erfahrung, die sich durch die ganze Bibel zieht: Gottes Lebenskraft reicht über unsere Grenzen hinaus. Die Bibel erzählt, wie Menschen immer wieder aufgestanden sind. Sie macht Mut, dass auch wir uns von dieser Kraft zur Verwandlung erschüttern und uns in sie hineinziehen lassen.

Rose Ausländer, die deutsch-jüdische Lyrikerin, schreibt in einem Gedicht: Auferstehung // Vor seiner Geburt / war Jesus / auferstanden // Sterben gilt / nicht für Gott und / seine Kinder / Wir sind Auferstandene / vor unserer Geburt.

Dr. Karoline Artner, Werk der Frohbotschaft Batschuns
Dr. Karoline Artner, Werk der Frohbotschaft Batschuns