Das Wichtigste und Beständigste

04.05.2018 • 14:56 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Die Verse 15,9-17 aus dem Johannes-Evangelium sind Teil der so- genannten Abschiedsreden Jesu. Er nimmt Abschied von seinen Jüngerinnen und Jüngern. Hinter ihnen liegen wunderbare Erfahrungen. Sie waren dabei, als Jesus 5000 Menschen satt gemacht hat. Sie waren dabei, als Jesus Blinde, Lahme, Aussätzige heilte. Sie haben erlebt, wie Jesus Zöllnern und Sündern sagte, dass Gott sie nicht aufgegeben hat; und wie er den Selbstgerechten mit harten Worten klar machte, dass sie Gottes Freundlichkeit im Wege stehen. Was bleibt von ihren gemeinsamen Erlebnissen? Auf dem Spiel steht, ob trotz Jesu traumatischen Endes eine Zukunft eröffnende Perspektive zu erleben ist.

Eine Legende

erzählt von einem jungen König, der nach dem Tode seines Vaters die Regentschaft über sein Königreich übernahm. Weil er das Land gut regieren wollte und außerdem sehr wissbegierig war, bat der junge König die Weisen seines Landes: „Tragt alles Wissenswerte über das Leben zusammen.“

Die Gelehrten machten sich fleißig an die Arbeit und legten nach 40 Jahren ihre Studien in tausend Bänden vor. Der König war inzwischen 60 Jahre alt. Er bat die Gelehrten, weil er die tausend Bücher nicht mehr lesen könne, das Wichtigste herauszuschreiben. Nach zehn Jahren hatten die Weisen ihre Einsichten in das Leben in hundert Bänden zusammengefasst. Der König sagte: „Das ist noch zu viel. Mit siebzig Jahren kann ich nicht mehr hundert Bände studieren. Schreibt nur das Allerwichtigste!“

Die Gelehrten gingen wieder an die Arbeit und brachten das Allerwichtigste in einem einzigen Buch zusammen. Damit gingen sie zum König. Doch der lag schon im Sterben und wollte von den Gelehrten nur noch das Wichtigste aus ihrer Arbeit erfahren.

Da fassten sie das Wichtigste zusammen, indem sie sagten: „Die Menschen leben, suchen das Glück, leiden und sterben; und das; was wichtig ist und überlebt, ist die Liebe, die empfangen und geschenkt wird.“

Freundschaft verpflichtet

In seinen Abschiedsreden sagt Jesus Worte, die zum Schönsten und Tröstlichsten gehören, was wir in der Bibel lesen können. Ihr seid meine Freunde und Freundinnen, ich stehe für euch ein. Ich helfe euch dabei, dass euer Leben gelingen kann – und auch andere sich daran freuen können. Jesus gibt Anerkennung und Aufmerksamkeit, die wir zum Leben brauchen; wir sind ihm wichtig, auch wenn wir erschöpft, müde oder krank sind. In unserem persönlichen Leben kann es nämlich schnell geschehen, dass wir unsere Mitmenschen nur danach beurteilen, ob sie ihre Arbeit gut machen und im Alltag funktionieren. Aber der Sinn des Lebens erschöpft sich nicht in der persönlichen Lebensleistung.

Ihr seid meine Freunde: Auf Freundschaft gibt es keinen Anspruch. Echte Freundschaft ist immer ein Geschenk. Wenn Freundschaft im Spiel ist, wenn ich weiß, was dieses oder jenes meinem Gegenüber in seiner Tiefe als Person bedeutet, dann bin ich anders gefordert und wohl auch eher bereit, mich auf dessen Perspektive und Wünsche einzulassen. Denn Freundschaft verpflichtet.

Jesus spricht auch davon, dass er sich seine Freunde ausgesucht hat, nicht sie ihn. Die Initiative bleibt bei Jesus. Und er hat einen Auftrag für die Freunde. Er gibt ihnen Weisungen. Freundschaft zu Jesus heißt nicht, dass wir ihn auf unsere Ebene herunterziehen würden, so als wäre da kein Unterschied mehr. Vielmehr ist es die Qualität dieser und anderer echter Freundschaften, dass sie über die Gräben der Verschiedenheit hinweg zu verbinden vermögen. Freundschaft beinhaltet nämlich den Respekt vor dem Anderssein des anderen.

Das, worauf es ankommt, ist eine Unmittelbarkeit des Herzens. Was Jesus gesagt hat, was er war, bleibt dann nicht mehr nur Geschichte, sondern wird Gegenwart. Es geht nicht mehr um Jesus als eine geschichtliche Person, sondern um die Kraft, die uns durchströmt; unsichtbar, aber stark wie der Wind oder wie das Licht, dessen Wärme wir fühlen. „Geist“ ist das Wort, das wir verwenden, weil wir ein anderes nicht haben. Es geht nicht um eine äußerliche Form der Paragraphenerfüllung, sondern um das Tun von innen her. Nichts ist da Zwang und Vorschrift, die Liebe setzt ihre eigene Ordnung und tut von innen heraus, was dieser Liebe und Freundschaft entspricht.

Einladung

Gefordert sind nicht in erster Linie Anstrengung und Willenskraft. Ohne Liebe verkehren wir unsere Anstrengungen und Gaben ins Gegenteil. So macht Pflichtbewusstsein ohne Liebe verdrießlich. Klugheit ohne Liebe macht gerissen. Besitz ohne Liebe macht geizig. Glauben ohne Liebe macht keinen Sinn – weder für uns noch für andere.

Dieses Kapitel des Johannes-Evangeliums ist eine große Einladung, uns und Gott mehr zuzutrauen als strenge Gebote, eine große Einladung, uns selber ganz hineinzugeben in das Geliebtwerden und Angenommensein und nichts mehr zurückzuhalten; sowie eine große Zusage, dass wir mit Freude diese Freundschaft und Liebe weitergeben können und dass das Früchte bringt, Früchte von bleibendem Wert.

Dr. Karoline Artner, Werk der Frohbotschaft Batschuns.
Dr. Karoline Artner, Werk der Frohbotschaft Batschuns.