Das schönste Wort

11.05.2018 • 15:48 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

„Helfen“ sei das schönste Wort der Welt, noch schöner als „lieben“. Die österreichische Schriftstellerin und Friedensnobelpreisträgerin Berta von Suttner hat das gesagt. Einem anderen zu helfen, ihn zu unterstützen, ihm beizustehen, darin zeigt sich echte Menschlichkeit. Marion Wright Edelmann geht sogar noch weiter: „Hilfsbereitschaft ist die Miete, die wir für unser Dasein bezahlen. Sie ist der Hauptzweck des Lebens. Man sollte sie nicht mit einer Freizeitbeschäftigung verwechseln.“ Dass wir einander lieben sollen, füreinander ein Herz haben sollen, darüber sind sich alle Menschen einig. Aber oft bleibt die Liebe in der Idee stecken, sie drückt sich nicht im konkreten Miteinander aus.

Das Helfen ist die Konkretisierung der Liebe

Es ist oft wenig spektakulär und drückt sich in den kleinen alltäglichen Handlungen aus, die wie selbstverständlich erscheinen, dem anderen aber doch eine wichtige Hilfe sein können. Auch die englische Frauenrechtlerin und Autorin des 19. Jahrhunderts, Harriet Martineau, fordert die Erdung unserer idealisierten Vorstellungen von Liebe: „Eine Seele, die von großartigen Ideen beschäftigt wird, führt am besten kleine Pflichten aus.“ Ähnlich formuliert es der Dichter William Blake: „Gutes tun heißt, es ganz konkret, in einer ganz bestimmten Minute, zu tun. Das Gute im Allgemeinen ist der Ausweg für Narren und Schurken.“ Wir sind immer in Gefahr, über das Gute und über die Liebe zu diskutieren. Aber wir tun uns schwer, einfach danach zu handeln. Nutzen wir einfach die nächste Gelegenheit. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“ (Erich Kästner)

Die Barmherzigkeit mit uns selbst

Rigorismus und Härte gegen sich selber sind nicht gesund. Es gibt ein griechisches Sprichwort: „Wir sollen leben, nicht wie wir wollen, sondern wie wir können.“ Hinter diesem Wort steckt die Weisheit der Barmherzigkeit sich selbst gegenüber. Unsere Ansprüche an uns selber sind aber oft unbarmherzig: Wir wollen alles perfekt machen. Wir wollen den Nächsten ganz selbstlos lieben. Wir wollen nur für Gott da sein.

Doch wenn wir ehrlich ins eigene Herz schauen, dann sind da auch andere Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche. Wir müssen uns verabschieden von den Illusionen, die wir uns über uns selbst machen. Es braucht die Barmherzigkeit mit uns selbst. Wir müssen uns eingestehen, dass wir nicht alles können, was wir wollen. Es genügt schon, wenn wir so leben, wie wir können, und nicht, wie wir es uns ausgedacht und idealerweise vorgestellt haben.

Wie man lieben soll

Ähnlich wie die frühen Mönche schätzen die Chassidim, die frommen Juden, das Mitleid als eine der wichtigsten Tugenden des Menschen. Martin Buber hat uns wunderbare Geschichten aus dem Chassidismus überliefert. In einer dieser Erzählungen sagt Rabbi Mordechai: „Mein Sohn, wer nicht 50 Meilen in der Runde die Schmerzen jeder Gebärenden verspürt, dass er mit ihr leide und für sie bete und ihr Linderung erwirke, verdient nicht, ein Zaddik genannt zu werden.“ Und in einer anderen Geschichte erzählt Rabbi Mosche Löb: „Wie man die Menschen lieben soll, habe ich von einem Bauern gelernt. Der saß mit anderen Bauern in der Schenke und trank. Lange schwieg er wie die anderen alle. Als aber sein Herz von Wein bewegt war, sprach er seinen Nachbarn an: „Sag du, liebst du mich oder liebst du mich nicht?“ Jener antwortete: „Ich liebe dich sehr.“ Er aber sprach wieder: „Du sagst: ich liebe dich, und weißt doch nicht, was mir fehlt. Liebtest du mich in Wahrheit, du würdest es wissen.“ Der andere vermochte kein Wort zu erwidern, und auch der Bauer, der gefragt wurde, schwieg wieder wie vorher. Aber er verstand: Das ist die Liebe zu den Menschen, ihr Bedürfen zu spüren und ihr Leid zu tragen.“ Echte Liebe hat die Fähigkeiten, mit dem anderen zu fühlen, genau zu spüren, was ihm fehlt, und es gemeinsam mit ihm zu tragen. Diese Erfahrung kommt auch in einem Wort des indischen Weisen Tagore zum Ausdruck: „Derjenige, der Gutes tun will, klopft am Tor. Derjenige, der liebt, findet das Tor offen.“ Unsere Mütter und die mütterlichen Menschen tun all dies in hohem Maße. So möchte ich Ihnen zum Muttertag danken und besonders herzlich gratulieren: Viel Glück und Segen zum Muttertag!

Vikar Herbert Spieler, Frastanz
Vikar Herbert Spieler, Frastanz