Die Gebote – Wegweisungen zum Leben

15.03.2019 • 17:15 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Die Niederungen des Alltags ver­lassen

So auch kann man den tieferen Sinn der Fastenzeit bezeichnen: innere Klarheit erlangen. Fasten kann klären, was in uns trübe geworden ist. Die Verklärungsgeschichte (Lk 9,28-36) lädt ein, mit Jesus eine mystische Bergwanderung zu machen: Durchbruch des Echten durch das Getrübte; Aufblitzen des Unverfälschten und Ursprünglichen, des Eigentlichen in uns – Aufstrahlen des Lichts mitten im Dunkel des Lebens.

Herausgehoben auf dem Berg

Der Berg(gipfel) als besonderer Erfahrungsort ist im Gebirgsland Vorarlberg vielen vertraut. In der Bibel

schwingt mit „Berg“ immer ein Suchen oder Erahnen der Nähe Gottes mit.

Es gibt diese Momente und Begegnungen, wo es uns vor lauter Glück – oder auch vor lauter Schreck – den Boden unter den Füßen wegzieht. Das ist wie eine kurze Ahnung vom Paradies, um unsere Sehnsucht zu nähren. Wir nennen es „Erlebnisse besonderer Art“ oder „Sternstunden“. Solche „Höhepunkte“ des Erlebens werden auch nach außen sichtbar. Wie uns heute sogar die Wissenschaft belegt, können Menschen von erlebtem Glück strahlen und Zuversicht für andere ausstrahlen. Dies gilt – so denke ich – erst recht von der Begegnung mit etwas, was unsere Grenzen überschreitet, mit Transzendenz. Transzendenz als Fähigkeit des Menschen über das, was ist, hinaus zu denken, Alternativen zu denken und Utopien zu entwickeln. Manche mögen sagen: Eine verrückte Geschichte. So etwas gibt es doch nur im Märchen oder im Rauschzustand. Eine banale harmlose Geschichte ist es tatsächlich nicht. Und welche nüchtern zu konstatierenden Fakten allenfalls hinter der Erzählung stehen, werden wir nicht ermitteln können. Aber umgekehrt gilt: Die wirklich wichtigen Erfahrungen und Einsichten im Leben drücken wir mit Vorliebe und durchaus sinnvollerweise in nicht-alltäglicher, in poetischer und symbolischer Sprache aus. Manche Dinge im Leben – und keineswegs nebensächliche – lassen sich gar nicht anders ausdrücken. Wir brauchen, nicht nur in der Religion, solche ver-dichtete Sprache.

Krise

Biblische Erzählungen erheben den Anspruch, dass sie uns auch heute etwas zu sagen haben, Lösungsansätze für unser Leben zeigen wollen. In der Zeit des Tabor-Ereignisses beginnt Jesu Sendung von seiner Umgebung infrage gestellt zu werden, Gegner treten auf. Die Jünger sind müde, zweifeln, was ihnen dieser Weg mit Jesus noch bringt. Der Alltag macht ihnen zu schaffen. Das Verklärungsereignis steht im Vorfeld des Kreuzweges Jesu. Er geht auf die Geschehnisse in Jerusalem zu, stellt sich darauf ein und konfrontiert seine Jünger mit dem, was kommen wird.

Neuorientierung und Bestärkung

Auf dem Berg, im Gebet sucht Jesus Neuorientierung, Bestärkung seiner Sendung und seiner Identität. Er geht nicht allein, nimmt drei seiner Jünger mit, Petrus, Jakobus und Johannes – den engsten Kreis. Schwierige Situationen lassen sich besser in Gemeinschaft, mit Hilfe von guten Freundinnen und Freunden durchstehen.

Die Vision von der „Verklärung“ ist eine intime Szene. Das Gebet bringt Jesus in Verbindung mit den großen Gestalten der Geschichte Israels, mit Urahnen des Glaubens, Mose und Elija. Mose ist der Gesetzesverkünder und der Befreier. Er steht für die Freiheit von falschen Abhängigkeiten. Elija ist ein Bild für unsere prophetische Sendung und Aufgabe. Ein Blick aufs Ganze, aufs Eigentliche wird den Jüngern und uns aufgetan. Eine derartige tiefere Erkenntnis Jesu war selbst für die Jünger nicht selbstverständlich – sie wird geschenkt. Und es geschah, dass er vor ihren Augen verwandelt wurde. Die vertraute Gestalt verändert sich, wird durchsichtig und ganz hell. Die drei hören eine Stimme aus der Wolke: „Dieser ist mein Sohn, der Auserwählte, auf ihn sollt ihr hören.“ Sie sind ganz benommen und wollen den Augenblick festhalten: Lasst uns drei Hütten bauen. Wer würde einem solchen Augenblick nicht fortwährende Dauer wünschen?

Zusage, bevor wir etwas leisten

„Ich mag dich, so wie du bist“, das gesagt zu bekommen tut jeder und jedem gut. Geliebt und angenommen zu sein ohne Vorbehalte und Vorleistungen, ermöglicht sinnerfülltes, mutiges und glückliches Leben. Mögen uns immer wieder solche Momente der Verklärung, Momente des Durchscheinens dessen, was wir auch sind – geliebte und erlöste Menschen – geschenkt sein. Mit der Erinnerung solcher Augen-Blicke lassen sich Dunkel und schwere Zeiten besser durchstehen. Manchmal verstehen wir erst nach einiger Zeit, was schon angedeutet war: Gott ist anders.Die Fastenzeit lädt ein, das Leben zu entschleunigen, von Abhängigkeiten zu befreien, Gelassenheit zu erlangen und eigene Grenzen auszudehnen– sodass eine ruhige Gewissheit sich ausbreiten kann und es innerlich weiter wird. Das ist ja der Sinn aller guten Weisung: Angst loslassen und frei werden zu können.

Aus einem Gedicht von Huub Oosterhuis:

Lass es doch manchmal,

für einen Augenblick, sein,

als ob wir gehen auf Flügeln –

so wie Menschen gehen

auf dem Weg zu einem Neubeginn.

Dass wir sehen, noch Zeit unseres Lebens

einen Schimmer, einen Funken

deines Reiches des Friedens

Menschen in Frieden.

Neuorientierung und Bestärkung.Fotolia
Neuorientierung und Bestärkung.Fotolia