Immer gearbeitet und trotzdem arm dran

07.03.2019 • 16:51 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Eva Leitner findet es ungerecht, dass sie keine Pension bekommt.VN/JZN
Eva Leitner findet es ungerecht, dass sie keine Pension bekommt.VN/JZN

Ohne Rentenanspruch muss die 76-jährige Eva Leitner mit 889 Euro im Monat auskommen.

Bregenz Über ihren Vater ist Eva Leitner (76) auch heute, nach über 60 Jahren, immer noch richtig verärgert. Er weigerte sich damals, seine Unterschrift unter ihren Lehrvertrag zu setzen. Eva, die in der Steiermark aufwuchs, wollte eigentlich in einem Münchner Hotel eine Ausbildung zur Hotel- und Gastgewerbefachkraft machen. Aber ihr Vater war der Ansicht, dass Mädchen nichts lernen müssen, weil sie später sowieso heiraten.

Eva Leitner bereut es bis heute, dass sie damals sein Nein so anstandslos akzeptiert hat. Denn die Konsequenz war, dass sie ihr Leben lang nur Hilfsarbeiterin war. „Und so wurde ich auch entlohnt.“ Nach der Schule arbeitete die Steirerin drei Jahre für Gottes Lohn auf dem elterlichen Bauernhof. „Ich habe nicht einmal ein Taschengeld bekommen.“

Schließlich fand sie einen Job in Vorarlberg. An ihrem Arbeitsplatz, einem Café in Bregenz, lernte sie mit 17 Jahren ihren späteren Ehemann kennen. Ihm schenkte sie vier Kinder. „Nachdem mein Mann zwei Söhne mit in die Ehe brachte, war ich dann mit 23 Jahren Mutter von sechs Kindern.“ Evas ganze Kraft floss in die Familie. Besonders viel Zuwendung brauchte dabei ihre spastisch gelähmte Tochter Cornelia. Dass diese eine Selbstständigkeit entwickeln konnte, verdankt sie nicht zuletzt auch ihrer Mutter. Denn Eva Leitner kämpfte mit Erfolg dafür, dass ihre behinderte Tochter die nötigen Therapien bekam, in die Regelschule gehen und eine Lehre absolvieren konnte.

Als die Kinder aus dem Gröbsten raus waren, ging die Mehrfachmama putzen. So besserte sie das Familieneinkommen auf. Doch die Ehe hielt nicht. Mit 41 Jahren war Eva Leitner dann geschieden. „Monatlich 4800 Schilling, also heute knapp 350 Euro, bekam ich an Unterhalt.“ Auf sich allein gestellt, zog sie in eine 50 Quadratmeter kleine Mietwohnung. Heute muss sie dafür monatlich 220 Euro aufbringen. Dass ihre Wohnung so heimelig eingerichtet ist, verdankt sie einer kleinen Erbschaft von einer Tante. Außerdem wurde sie schuldlos in zwei Unfälle verwickelt, die jeweils mit Verletzungen ausgingen. Durch das erhaltene Schmerzensgeld finanzierte sie sich unter anderem das Bad und die Küche.

Zubrot verdienen

Um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, verdingte sie sich als Hilfskraft auf einer Messe und bei einem Verein als Buffetkraft. Zudem pflegte sie nach ihrer Scheidung 18 Jahre lang eine Frau, die einen Gehirnschlag erlitten hatte. Ein Zubrot verdiente sie sich auch damit, dass sie für Bekannte Pullover und Trachtenjacken strickte und häkelte. Um das Geld für drei erforderliche Zahnimplantate zusammenzubringen, pflegte sie ein Jahr lang eine schwer demente Frau.

15 Versicherungsjahre braucht es, um Anspruch auf eine Pension zu haben. Das kann Eva Leitner allerdings nicht vorweisen. Deshalb steht sie heute ohne Rente da. „Aber seit ich 65 bin, beziehe ich Mindestsicherung. Ich bekomme vom Land monatlich 419 Euro inklusive Wohnbeihilfe. Zusammen mit den Unterhaltszahlungen meines Mannes komme ich somit auf 889 Euro im Monat.“ Damit kann man keine großen Sprünge machen. Also betreut die 76-Jährige noch hin und wieder einen pflegebedürftigen Mann. „Sollte mein 89-jähriger Ex-Mann vor mir sterben, höre ich aber auf zu arbeiten. Dann bekomme ich nämlich eine Witwenpension.“

Dass sie sich der Vorarlberger Oma-Revolte angeschlossen hat und gegen soziale Ungerechtigkeit auf die Straße gegangen ist, hat damit zu tun, dass sie in Sachen Pension durch die Finger schaut. Es ärgert Eva Leitner, dass sie keinen Anspruch auf eine Rente hat, obwohl sie vier Kinder großgezogen und immer viel gearbeitet hat. Inzwischen kämpft die Mindestsicherungsbezieherin aber vor allem für andere Frauen. „Es wäre toll, wenn die Frauen, die Kinder aufgezogen haben, vom Vater Staat eine Zusatzrente bekommen würden.“