Der Torhunger liegt in der Familie

Sport / 22.07.2019 • 11:31 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Ausra Fridrikas mit ihrem Sohn Lukas auf der Tribüne im Stadion Birkenwiese in Dornbirn. KÖNIG

Ausra und Lukas Fridrikas haben in Dornbirn viel vor: Im Handball und Fußball die Großen fordern.

Dornbirn Sie haben den Torinstinkt im Blut. Ausra Fridrikas hält immer noch den Rekord für die meisten Tore einer Handballerin bei einer WM: 87 Mal traf sie bei der Weltmeisterschaft 2001 in Italien. Sohn Lukas ist auch ein begnadeter Torjäger, allerdings mit dem Fuß. Obwohl der 21-Jährige die halbe letzte Saison verletzt versäumte, hat die hängende Spitze des FC Mohren Dornbirn mit zwölf Toren und drei Vorlagen großen Anteil am Aufstieg der Rothosen. Nun will er in der 2. Liga für Aufsehen sorgen, während Mama Ausra als Trainerin des SSV Dornbirn/Schoren in der WHA Platz sechs vom Vorjahr toppen will. Die VN trafen die Handball-Legende und ihren aufstrebenden Kickersohn auf der Birkenwiese zu einem Interview-Doppelpass.

Wie ist es, der Sohn einer solchen Sportlegende zu sein?

Lukas Für mich ist es normal, ich bin damit aufgewachsen. Aber es hört sich schon surreal an. Das, was sie im Handball gewonnen hat, haben nicht einmal Messi und Ronaldo zusammen im Fußball geschafft. Das ist schon brutal.
Ausra Lukas hat immer gesagt, er will das erreichen, was ich im Sport erreicht habe, und dass die Menschen ihn so in Erinnerung behalten wie mich.

Daran müssen Sie wohl noch etwas arbeiten, Lukas. Erstmal heißt das Ziel Klassenerhalt in der 2. Liga. Wie sind Eure Chancen?

Lukas Wenn wir nicht totales Verletzungspech haben, bin ich überzeugt, dass wir uns in der Liga gut schlagen werden. Zumindest, dass wir nicht so in den Abstiegskampf geraten, dass wir dauernd auf die Tabelle schauen müssen. Dafür sind wir zu sehr eine Einheit und haben eine tolle Qualität. Ich habe bei vielen Vereinen in der dritten Liga gespielt. Dornbirn war mit Abstand die beste Mannschaft.

Und ist auf der Birkenwiese extrem heimstark.

Lukas Da haben wir seit fast zwei Jahren in der Liga kein Spiel mehr verloren (Anm. d. Red.: 18 Siege, 5 Remis). Hier muss man uns zuerst einmal schlagen.

Das wird Austria Lustenau gleich im Derby am Freitag in der ersten Runde probieren.

Lukas Die dürfen sich warm anziehen. Das wird für sie nicht einfach. Ich bin mehr als zuversichtlich. Wir haben das Selbstvertrauen, den Flow. Vor allem ist der Kern unserer Mannschaft geblieben. Domig, Kircher, Kühne, Allgäuer – fast die komplette Stammelf spielt schon viele Jahre hier. Und fast alle sind im besten Fußballalter zwischen 23 und 27.
Ausra Für mich faszinierend ist diese Mentalität, wie sie sich reinhauen. Das erste Mal als ich ein Match des FC Dornbirn auf der Birkenwiese gesehen hab, war ich positiv überrascht. Dieser Zusammenhalt, wie sie kämpfen und wenn es nicht gut läuft, gehen sie auch nicht aufeinander los, sondern pushen sich und bleiben bis am Ende bissig. Das ist eine Mentalität, wie ich sie von meiner Zeit als Handballerin in Skandinavien kenne.

Wie läuft es bei SSV Dornbirn/Schoren?

Ausra Letzte Saison waren wir Sechste. Mitte der Saison haben wir uns von wichtigen Spielern verabschiedet. Das hat uns ein bisschen zurückgeworfen. Wir kämpfen gerade, dass wir eine eigene Halle bekommen, wie die anderen Teams in der höchsten Liga. Wir trainieren in der Messehalle, aber wenn da Messen sind, müssen wir immer raus. Das ist schade, weil der Verein hat auch eine große Tradition und wir wollen auch den eigenen Nachwuchs fördern.

Wann geht es los bei Euch?

Ausra Am 29. Juli starten wir mit dem gemeinsamen Training. Vorher trainieren alle individuell. Die Spielerinnen sind von 16 bis 23 Jahre jung, Altersschnitt 19,5.

Kann der Meistertitel auch für Dornbirn ein Ziel sein?

Ausra Ich bin eine ehrgeizige Trainerin, auch sehr diszipliniert und so versuche ich meine Spieler zu erziehen. Ich habe hier eine sehr gute Mannschaft, die sehr gerne trainiert. Wenn es auch keine Profis sind, aber ich will ihnen das von der Einstellung mitgeben. Wir sind ein ambitionierter Verein, wollen uns heuer noch besser platzieren als letzte Saison.

Sie haben mit Hypo Niederösterreich fünfmal die Champions League gewonnen. Davon ist der Klub heute weit entfernt. Zum ersten Mal seit 42 Jahren ist man nicht Meister geworden.

Ausra Das macht mich wütend. Ich weiß, wie schwer es für Gunnar Prokop war, das alles aufzubauen. Wie sehr er gekämpft hat. Es wurde dort überheblich sein Erbe weggeworfen. Die Spielerinnen kennen den Namen Hypo, aber vertreten ihn nicht so ehrenhaft, wie es sein sollte. Das schmerzt, auch wenn ich inzwischen hier in Dornbirn arbeite. Sie sind selber schuld, weil sie den jungen Spielerinnen zu wenige Chancen geben. Zu unseren Zeiten waren es immer 18, 19 Jährige die schon mitgespielt haben, wie Strass und Mohrhammer, die auch im Nationalteam Leistung gebracht haben. Jetzt gehen solche Spielerinnen weg, weil sie keine Chance kriegen. Ungarinnen werden dafür eingekauft. Das ist zu wenig. Wenn dann muss man dieses Geld in die eigene Jugend investieren.

Zurück zum Fußball, Lukas. Was macht für Sie den FC Dornbirn aus?

Lukas Dornbirn ist natürlich etwas anderes als Lustenau. Dort haben sie einen gestandenen Profiverein, der jedes Jahr vorne mitspielt in der 2. Liga. Wir sind sicher der kleinste und familiärste Verein in der Liga. Bei uns gibt es nicht viele Leute, deshalb sind wir Spieler uns nicht zu schade mitzuhelfen. Zum Beispiel haben wir öfter eine Cocktailbar gemacht und ausgeschenkt. Zwei, drei Spieler sind immer da und helfen aus. Zum Beispiel um eine Bühne aufzubauen wie bei der Meisterfeier. Wir halten zusammen.
Ausra Hier ist so eine Kultur, dass alle freiwillig mithelfen. Leute kommen durch ihre Kinder zum Verein und bleiben ihm dann erhalten, wenn die Kinder schon groß sind. Das ganze Land Vorarlberg ist sehr speziell. Wie ein kleines Königreich. Jeder kennt jeden. Jeder unterstützt und arbeitet gerne ehrenamtlich. Ich habe vor Kurzem mit Leuten mit Down Syndrom gespielt und es war so nett, wie sie alle gepusht und Verantwortung übernommen haben. In Wien und NÖ sieht man sowas selten.

Zieht es Sie irgendwann zurück zu Hypo?

Ausra Nein, das ist keine Herausforderung. Wenn, dann geht es gleich weiter ins Ausland, um mit Profis zu trainieren. Es müsste eine Mannschaft sein, die große Ambitionen hat, etwas Höheres in der Champions League zu erreichen.
Lukas Man merkt, selbst wenn sie Fußball beobachtet, was sie alles abcheckt und als Trainerin drauf hat. Ein nächstes reizvolles Angebot sollte sie auf jeden Fall nützen.

Nochmal zu Ihnen, Lukas. War die Austria Wien nie ein Thema, nachdem Vater Robertas dort gespielt hat?

Lukas Als ich klein war, mal Spaß halber. Aber nie wirklich.
Ausra Sein Vater und ich waren nicht die typischen Eltern, die das verbissen vorangetrieben haben. Deshalb ist Lukas erst sehr spät, mit neuneinhalb Jahren, zum Fußball gekommen und er musste seine Schwächen erst mühsam wettmachen.
Lukas Ich kann mich erinnern, dass ich die ersten zwei Jahre bei der Admira so eine Minute pro Match spielen durfte. Ich war einfach zu schlecht.
Ausra Er wollte schon aufhören. Aber ich habe gesagt: Luki, niemand gibt auf.
Lukas Im Training bin ich beim eins gegen eins 30 Mal hängengeblieben und wenn ich dann ein Tor geschossen habe, habe ich mich mehr gefreut als andere im Match.

Sie haben es trotzdem in die Red-Bull-Akademie geschafft.

Lukas Der damalige U-15-Trainer und spätere Akademieleiter Percy van Lierob hat irgendwas in mir gesehen. Ich war damals zwar schon besser, bin viel gelaufen, aber technisch war ich brutal schlecht. Er hat mir damals einfach ein paar Zettel mit Übungen mit dem Ball ausgedruckt und gesagt: Das Einzige, was man braucht ist ein Ball.
Ausra Dann hat Lukas jeden Tag drei Stunden nur diese Technikübungen mit dem Ball gemacht.
Lukas Ich hab Lierob bei einem Match wieder gesehen und ihm gezeigt, was ich durch ihn gelernt habe. Er war dann voll überrascht, dass ich auf einmal technisch auch so stark war.

Trotzdem war die weitere Fußballkarriere bei Anif, Parndorf, Seekirchen und Wiener Neustadt ein Auf und Ab.

Lukas Im Winter 2017/18 bin ich dann mit meiner Mutter nach Dornbirn mitgekommen. Zufällig hat der Verein nach mir gefragt und so kam es zu meiner Verpflichtung. Seit ich hier bin, geht es konstant bergauf, für den Verein und für mich. Ich habe eine Wahnsinnshinrunde gespielt. Da war ich noch gleich mit Ygor bei den Toren. Wegen einem Bänderriss im rechten Knöchel habe ich im Frühjahr nur die letzten drei, vier Spiele gemacht. Jetzt bin ich aber wieder fit für die neue Saison.
Ausra Lukas hat Ambitionen, möchte gerne Profi werden. Ich wünsche ihm, dass es klappt. Wenn nicht, bildet er sich eben anders weiter. chk