Regina Gehrer, 6b, BG Gallusstraße, Bregenz

Extra / 23.06.2014 • 14:34 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die Angst war unerträglich geworden. Er wollte aus dieser Kiste hinaus. Oder war es doch eine überdimensionierte Hundebox?

Eingesperrt zu sein erinnerte ihn an den Geburtstag seiner Mutter, als er vierJahre alt gewesen war. Er hatte mit seinem Cousin Verstecken gespielt und sich, meinend es sei ein gutes Versteck, in den Kofferraum seiner Tante gequetscht. Nur hatte er den Deckel nachher nicht mehr aufbekommen und seinem Cousin war die Lust, ihn zu suchen, schnell vergangen. Nie wieder, hatte sich Max geschworen. Nie wieder würde er sich in einem Kofferraum verstecken, auch wenn seine Mutter ihn schlussendlich gefunden hatte.

Mutter! Hat sie mein Verschwinden schon bemerkt? Wie lange bin ich schon hier drinnen? Hat sie Vater in China schon angerufen? Noch mehr Verzweiflung stieg in ihm auf. Würde er seine Eltern je wiedersehen?

Es sollte ein ganz normaler Mittwoch werden. Statt in der Schule zu sitzen, saß er nun ihn einer Kiste. Wusste nicht, wo er war, alles um ihn herum war schwarz, und er wusste nicht, was geschehen würde. Heute sollte ein ganz normaler Mittwoch sein. War heute überhaupt noch Mittwoch? Er war schon so lange eingesperrt, dass er das Zeitgefühl komplett verloren hatte. Sein Magen knurrte. Max war umgeben von Dunkelheit. Seine Kehle sehnte sich nach Wasser. Stickig war die Luft um ihn. Wie lange war er schon hier drinnen? Käme er hier je wieder hinaus?

Max wurde herumgeschleudert, krachte gegen die Wand. Wildes Schaukeln. Ein Krachen. Unsanft wurde Max´ Kiste irgendwo abgestellt. Ein lautes Rumps. War das eine Tür gewesen? Stille. Eine unheimliche Stille umfing Max. Minuten, Stunden, Tage. Unendlich lange. Max wusste nicht, wie lange.

Max saß im Stockdunkel. Er konnte sich nicht strecken, konnte nichts hören. Seit Stunden war nichts mehr zu hören. Seine Angst und Verzweiflung waren unerträglich. Wäre doch nur jemand bei ihm! Wäre doch nur Sylvie bei ihm. Viele schöne Momente hatte er mit ihr erlebt. Den letzten Abend, auch wenn sich Jens zwischen ihn und Sylvie gedrängt hatte. Oder die letzte Party, bei der sie zusammen mit der Clique gewesen waren. Die Party, bei der Silvie ihr Lieblingslied gesungen hatte. Wie hieß es noch einmal? Rose Garden? Ja, so hieß es! Sylvie hatte es so schön gesungen. An jedes einzelne Wort kann Max sich erinnern.

„In the rose garden, where the rain is falling . . .“. Einfach so, ohne Kontrolle zu haben, sprudelte das Lied aus ihm heraus. „And the thorns are sharpened, rose garden.“ Seine Stimme durchbrach die Stille. Wenigstens etwas! Ein wenig wurde die Dunkelheit zurückgetrieben. Mit aller Kraft klammerte sich der Junge an dieses Lied. Immer weiter und weiter sang er. „Don’t let those pedals fall.“ So gut wie Sylvie bin ich sicher nicht, aber dafür höre ich nicht nur Stille. Sylvies Lieblingslied, in Dauerschleife von ihm gesungen, war das einzige, was Max seit Stunden hörte. Er war so in dem Lied gefangen, dass er die Rufe nicht hörte. Schritte, die immer näher kamen. Jemand machte sich an der Kiste zu schaffen, versuchte sie zu öffnen. „In the rose garden, where the rain is falling.“ Max’ Augen waren geschlossen.

Er sang, nahm nichts anderes mehr wahr als seine Stimme. Doch etwas veränderte sich, störte den Gefangenen. Ängstlich öffnete er die Augen. Er wurde geblendet. Aber etwas konnte er erkennen: Einen Mann in einer Polizeiuniform.

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