Science-Fiction war vorgestern

Extra / 05.11.2015 • 18:22 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Nico Lumma war seit 1995 nicht mehr offline. nach wie vor ist er ein großer Fan von sozialen Netzwerken. Foto: VN/Hofmeister
Nico Lumma war seit 1995 nicht mehr offline. nach wie vor ist er ein großer Fan von sozialen Netzwerken. Foto: VN/Hofmeister

Die digitale Entwicklung wird verschlafen, warnt Internetexperte Nico Lumma. 

Bregenz. Es gibt den chinesischen Fluch „Mögest du in interessanten Zeiten leben“. Für Nico Lumma ist das jedoch keine Drohung. Im Gegenteil: Für ihn ist die heutige Zeit wahnsinnig spannend. Denn er liebt die ständige Veränderung. „Heute ist das Wachstum nicht mehr linear, sondern exponentiell“, sagt er. Vorbei also die Zeiten, in denen zwar 1968 das Farbfernsehen eingeführt wurde, seine Eltern aber erst 1980 einen Farbfernseher anschafften.

Lumma, der zu den 100 wichtigsten Internetköpfen in Deutschland gehört, hat schon gebloggt, als andere noch gar nicht wussten, was das genau ist. Und er war seit 1995 nach eigenen Angaben nicht mehr offline. Und Nico Lumma hat eine klare Meinung, was die digitale Zukunft anlangt. Was er vor allem vermisst, ist das Tempo der Politik. „Wir verschlafen gerade die digitale Entwicklung. Wenn wir so weitermachen, verpassen wir den Anschluss und andere Länder überholen uns. Wenn sie es eh schon nicht längst getan haben“, betont er. Dennoch gebe es immer noch Menschen, die hoffen, dass die Digitalisierung irgendwann vorbeigeht, erklärt er. Das wird sie aber nicht. Vieles, was vor ein paar Jahren noch unter Science-Fiction abgetan wurde, ist bereits Realität oder wird es bald sein. Bis 2025 werden 50 Milliarden „internet of things“-Geräte am Netz sein. Maschinen werden untereinander kommunizieren. „Die Fabriken verändern sich, die gesamte Arbeitswelt verändert sich“, ist Lumma überzeugt. Wer jetzt noch denke, man habe ja Computer und alles ist o.k., der irre. Man müsse heute vor allem neugierig sein und neue Denkmuster zulassen. Denn in Europa sehe man gerne alles mit Skepsis und rede am liebsten nur über die Risiken.

Programmieren als Schulfach

Auch im Bildungsbereich werde die Digitalisierung lieber verteufelt, anstatt darauf zu reagieren. Bereitband und Tablets in allen Schulen sind noch in weiter Ferne. Dass die Kinder heute alle „digital natives“ sind – also in der digitalen Welt aufgewachsen sind – erleichtere die Sache allerdings nicht, sagt Lumma. Denn das bedeute nicht, dass sie automatisch eine höhere Digitalkompetenz haben. Deshalb plädiert der Hamburger für ein Unterrichtsfach „Digitalkunde“ und die Programmiersprache als zweite Fremdsprache. Es gehe dabei nicht darum, dass dann alle Programmierer werden, aber es sei notwendig, um zu wissen, wie die Zukunft funktioniert.

Nicht über Nacht zum Star

Apropos Berufswunsch: Lumma selbst ist Business Angel, beteiligt sich also finanziell an Unternehmen und unterstützt die Gründer mit Know-how und Kontakten. Es gebe hier eine wahnsinnige Innovationskraft und eine irre Vielfalt an Geschäftsmodellen. Jedoch passieren die spannenden Sachen derzeit nicht in Deutschland, Österreich oder der Schweiz, sondern vielmehr in Polen, der Ukraine, den nordischen Ländern oder auch in Griechenland. Österreich sei vor zehn Jahren einmal das Aushängeschild gewesen, vor allem im Bereich mobile. Das habe aber nachgelassen. Wichtig für Gründer sei zu wissen, dass es harte Arbeit und viel Glück dazu braucht. Man dürfe nicht dem Glauben verfallen, dass Gründen ein Teil der Popkultur ist und man über Nacht zum Star wird.

Wichtig ist es heutzutage, neugierig zu sein und vor allem auch neue Denkmuster zuzulassen.

Nico Lumma
Nico Lumma war seit 1995 nicht mehr offline. Nach wie vor ist er ein großer Fan von sozialen Netzwerken.
Nico Lumma war seit 1995 nicht mehr offline. Nach wie vor ist er ein großer Fan von sozialen Netzwerken.

Zur Person

Nico Lumma

Internetexperte, Blogger, COO Next Media Accelerator, Mitglied Gesprächskreis Netzpolitik der SPD, Mitbegründer Verein D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt

Geboren: 19. Juni 1972 in Ratzeburg