Menschliche Erfahrungen, die einfach unbezahlbar sind

Extra / 17.11.2015 • 09:46 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Mario Gasser hält den Rettungswagen in Schuss. Jeweils zwölf Stunden dauert eine Schicht.  Foto: VN/Schuster
Mario Gasser hält den Rettungswagen in Schuss. Jeweils zwölf Stunden dauert eine Schicht.  Foto: VN/Schuster

Mario Gasser (25) gehört zu den jüngsten beruflichen Notfallsanitätern im Land.

Bregenz. Mario Gasser war 20, als er sich entschloss, Sanitäter von Beruf zu werden. Doch beim Roten Kreuz hielten sie ihn damals für zu jung. Heute, fünf Jahre später, hat er sich seinen Traum erfüllt. Er ist Notfallsanitäter mit Notkompetenz, gibt sogar selbst Kurse. Doch den überwiegenden Teil seiner Arbeitszeit verbringt er im Rettungswagen, in der Regel vier Tage die Woche, zwölf Stunden pro Schicht. „Einen normalen Neun-bis-Fünf-Job könnte ich nicht machen“, sagt der 25-Jährige.

Mario Gasser war zwölf, als er in Schwarzach bei der Jugendfeuerwehr anfing. „Damals habe ich zum ersten Mal in das ehrenamtliche System reingeschnuppert.“ Doch auf Dauer reichte ihm das nicht, er wollte Rettungssanitäter werden, um täglich am realen Geschehen zu sein. Mit 17 begann er die Ausbildung, sobald er das Mindestalter von 18 erreicht hatte, legte er die Prüfung ab. Selbst den Führerschein machte er erst ein paar Wochen später.

Beruflich machte der Absolvent der Polytechnischen Schule in Dornbirn zunächst eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann bei Mediamarkt und arbeitete eine Zeit lang weiter in diesem Beruf. Doch als die Einberufung zum Bundesheer ins Haus flatterte, bemühte er sich überraschenderweise nicht um eine Zivildienerstelle beim Roten Kreuz. Stattdessen ging er zum Heer nach Bregenz, wo er als ausgebildeter Rettungssanitäter auch gebraucht wurde. „Ich wollte etwas Neues kennenlernen, außerdem ist der Präsenzdienst ja um drei Monate kürzer“, begründete er seine Entscheidung.

Der Traum vom Fliegen

Beim Militär ergab sich eine Karriereoption, die ihn sehr reizte: Hubschrauberpilot zu werden. Doch das Auswahlverfahren ist streng, die Eignungstests anspruchsvoll. Gasser fuhr zu Prüfungen nach Wien, wurde am Ende aber nicht genommen. Nun aber wusste er, dass er Notfallsanitäter werden wollte. Sieben Bewerbungen schrieb er an verschiedene Rot-Kreuz-Ortsverbände. Doch obwohl man ihn als ehrenamtlichen Kameraden schon kannte, wurde er zunächst abgelehnt. Mario Gasser war zu jung.

Ein Jahr Pistenretter

Doch er probierte es immer wieder und überbrückte den ersten Winter bei der Pistenrettung. Auch ein Job, der dem leidenschaftlichen Wintersportler Spaß machte. „Man lernt dort sehr viel“, sagt Gasser rückblickend. Von Pistensicherung bis zum Lawinensprengen hat auch diese Arbeit viel Action und Abwechslung zu bieten. Danach wechselte Mario Gasser noch einmal in die Branche zurück, in der er seine Berufsausbildung gemacht hatte. Er wurde Fahrer bei Bofrost, „da hatte ich eine ganz erfolgreiche Zeit“, sagt er.

Dann endlich gab das Rote Kreuz in Bregenz nach. Mario Gasser wurde mit 22 Jahren jüngster hauptamtlicher Notfallsanitäter beim Vorarlberger Roten Kreuz. Neben der Ausbildung zum Notfall­sanitäter erlangte er auch Notkompetenz und Führungslehrgang. „In Vorarlberg sind wir in nichts eingeschränkt, wir bekommen alle Lehrgänge bezahlt“, schwärmt er.

Dass Sanitäter hauptsächlich zu Verkehrsunfällen gerufen werden, stimmt so nicht. „Das Allermeiste sind interne Notfälle“, sagt der Berufssanitäter. Das heißt Herzinfarkt, Schlaganfall, Kreislaufkollaps und Co. machen den größten Teil der Einsätze aus.

Auch psychiatrische Notfälle oder Haushaltsunfälle gehören dazu. „Der Beruf stellt enorme Anforderungen“, gibt Mario Gasser zu, aber gerade das gefällt ihm auch daran. Kein Einsatz gleicht dem anderen: „Man häuft einen Erfahrungsschatz an, der unbezahlbar ist.“

Je ruhiger, desto einfacher

Dass er permanent mit Ausnahmesituationen zu tun hat, damit hat er umzugehen gelernt. „Ich dringe stets in die Privatsphäre von Menschen ein“, ist er sich bewusst. Doch die routinemäßige Ruhe, die er an den Tag legt, strahlt auch auf die Betroffenen und ihre Angehörigen aus und hilft so bereits, Extremsituationen ein wenig zu entschärfen. „Je mehr Ruhe, desto einfacher ist ein Einsatz zu bewältigen“, sagt Gasser.

Gespräche helfen

Natürlich ist man auch oft mit dem Tod konfrontiert, da helfen Gespräche mit den Kollegen und die Team-Nachbesprechungen. In denen werden Einsätze noch einmal durchgegangen, damit alle Kollegen, die dabei waren, ein Bild des Gesamtgeschehens bekommen.

Den dunklen Seiten stehen aber auch positive Erlebnisse gegenüber, und die stecken in den täglichen kleinen Dingen, sagt Mario Gasser, „wenn man zum Beispiel einer alten Dame hilft, zum Arzt zu gehen, weil sie es selbst nicht mehr kann“. Man braucht als Sanitäter auch körperliche Fitness, die holt sich der 25-Jährige beim Sport. Seit Jahren spielt er in Hard leidenschaftlich Eishockey.

Für die Zukunft hofft der 25-Jährige Lochauer auf spannende Einsätze auch im Ausland für das Rote Kreuz. Und den Traum vom Hubschrauberpiloten hat er zumindest noch nicht ganz abgeschrieben.

Einen normalen Neun-bis-Fünf-Job könnte ich nicht machen.

mario gasser

Zur Person

Mario Gasser

Seit drei Jahren Notfallsanitäter beim Roten Kreuz in Bregenz.

Geboren: 19. Mai 1990 in Graz, aufgewachsen in Schwarzach.

Ausbildung: Einzelhandelskaufmann, Rettungssanitäter, Notfallsanitäter
Familienstand: ledig, liiert

Hobbys: Skifahren, Eishockey