Sinnvoll leben und wirtschaften im Einklang mit der Natur

Extra / 03.07.2016 • 18:18 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Dorothea und Armin Rauch haben sich in Dünserberg mit ihrem Permakulturhof ein Naturparadies für Tier und Mensch geschaffen.
Dorothea und Armin Rauch haben sich in Dünserberg mit ihrem Permakulturhof ein Naturparadies für Tier und Mensch geschaffen.

Die gelebte Permakultur-Philosophie harmonisiert Ökonomie, Ökologie und Soziales.

Bregenz. Für immer mehr Menschen in Vorarlberg sind Bill Mollison, Sepp Brunner, Vandana Shiva, Ibrahim Abouleish oder Friedrich Lehmann Leuchtturmbeispiele für ein nachhaltig zukunftsfähiges Lebens- und Wirtschaftskonzept, basierend auf der Lebensmittelerzeugung. Die Permakultur – ursprünglich abgeleitet aus „permanent agriculture“ – ist heute Lebensphilosophie und Denkprinzip zahlreicher regionaler Bürgerinitiativen, die zur globalen Bewegung werden. Für viele der zukunftsweisende Weg in eine ethische und ökologisch-soziale Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung. Diese Haltung lebt der Hittisauer Permakulturist Leo Simma: „Permakultur ist Selbstversorgung mit geringem Rohstoff-, Platz- und Zeitaufwand, die Wiederentdeckung von altem Wissen aus allen Kulturen und die Verknüpfung dieser Erfahrungsschätze zu neuen Strategien sowie naturnahe Abfallvermeidung, bei der der Output des einen Systems als Input für die anderen genutzt wird.“ Bei Verinnerlichung dieser ganzheitlichen Lebens- und Wirtschaftsweise im Einklang mit der Natur „können wir uns heute unter Einbezug des zur Verfügung stehenden technischen Fortschritts völlig frei, unabhängig, eigeninitiativ und selbstverantwortlich unser bereits weitgehend verloren gegangenes ,Paradies auf Erden‘ zurückholen, neu schaffen und gestalten.“ So entsteht das von Leo Simma mit Familie und Gleichgesinnten initiierte Gemeinwohlprojekt „Garten Eden“, das zukünftig den für Körper, Geist und Seele gesunden Lebensstil allen Interessierten zugänglich machen wird.

Gemeinwohl-Kreislauf

Wir alle „können“ Permakultur. Es geht um eine empathische Werthaltung, nach der jeder Einzelne in der Gemeinschaft handelt – vom Produzenten über Verarbeitung und Handel bis zum Verbraucher, in allen Branchen und Lebensbereichen. „Permakultur ist ein ethisches und tiefenökologisches Kreislaufwirtschaftssystem, das nicht nur unsere Natur als Lebensgrundlage erhält und schützt, sondern auch effizientes Wirtschaften bedeutet“, erklärt Simma mit Verweis auf Sepp Brunner, der die Harmonisierung von Ökonomie, Ökologie und Sozialem hervorhebt – alle drei Säulen wachsen und entwickeln sich gleichmäßig. „Dass die Welt voller Lösungen ist und regionale Solidargemeinschaften weltweit in eine Gemeinwohl-Zukunft mit wahrer Lebensqualität gehen, zeigt der Dokumentarfilm ,Tomorrow‘. Permakultur beginnt im Boden und erweckt Verwüstungen zum Leben. Permakultur heißt natürliche und regionale Saatgutgewinnung in kleinen Strukturen sowie Ressourcen- und Energiewende durch Einsatz rein erneuerbarer Energien. Diese Lebens- und Arbeitsweise steht für Mischkultur statt Monokultur, Arten- und Sortenvielfalt, nachhaltige Optimierung statt kurzfristige Maximierung, sie ist gesunde Ernährungs-, Existenz- und dadurch Friedenssicherung“, informiert Leo Simma.

Paradies in Dünserberg

Der Dünserberger Landwirt und ausgebildete Bodenpraktiker Armin Rauch hat sich mit seiner Frau Dorothea, die begeisterte Kräuterpädagogin ist, ein permakulturelles Paradies erschaffen. Ein achtsamer Umgang mit Grünland, Bodenleben und Nützlingen ist Selbstverständlichkeit. In der Wurmkompostkiste entsteht wertvoller Dünger. Zu mehr als 60 Tomatensorten wachsen zahlreiche Paprika- und Chilisorten sowie exotische Früchte, zum Beispiel Melothria oder Zitronengurke, und natürlich eine Fülle an Beeren und Wildobst. In den Teichen ist reichhaltiges Leben, die Sonnenspiegelung begünstigt die Photosynthese, Insekten und Bodentiere finden idealen Lebensraum. Auf 13 Hektar Grünlandfläche weiden 20 Aufzuchtrinder und zwei Ochsen. Im Winter gibt’s Heu. Traditionelle Hühnerrassen tummeln sich auf dem Rauch-Hof. „Wir veredeln Obst und Gemüse, es gibt Marmelade, Süßmost, Gärmost, Edelbrände und Essig.“ Die Diktatur der Konzerne wie Monsanto überzieht laut Armin Rauch den Globus und „schreibt uns vor, was wir essen und anbauen dürfen. Dagegen muss sich die gesamte Bevölkerung wehren und protestieren. Permakultur ist der richtige Weg. Wird sie in allen Ländern und Regionen der Welt gelebt, ist es mit Abhängigkeit, Elend, Hunger und Flüchtlingsströmen vorbei“.

Freude am Erlebnislernen

Permakultur-Gärten sind für natürliche Effizienz und Optimierung in sechs Zonen eingeteilt (siehe Illustration oben): 0 steht für Wohn- und Kernbereich, 1 für täglich genutzte Pflanzen wie Kräuter und Feingemüse, 2 für Salate, Kohl- oder Wurzelgemüse, 3 für Getreide und Kartoffeln, 4 für Wiesen, Obstbäume und Nussbäume, 5 für Wildnis und Urwald als Ruhezone für die Natur. Der Übergang von einem Wald zur freien Landschaft, also der Waldrand, ist durch das Aufeinandertreffen zweier Ökosysteme eine besonders artenreiche und produktive Zone und eine Oase für den Menschen, um sprichwörtlich die Seele baumeln zu lassen. Dem Dinkelanbau in Vorarlberg widmet sich auch Bäckermeister Christian Hutter: „Aufgewachsen auf dem Bauernhof und in der Bäckerei, war ich schon als Kind fasziniert vom natürlichen Kreislauf, vom eigenen Korn übers Mahlen bis zum Brot in verschiedenen Sorten. Jetzt möchte ich auch frisch gemahlenes Mehl aus Lauteracher Anbau verarbeiten – für kurze Wege und als Gegenstrategie zu Backstationen und Teiglingen aus China und Polen.“ Christian Hutters Dinkel wächst bereits in Lauterach, eine Mühle wurde auch schon aufgestellt. Im Kloster Gwiggen in Hohenweiler wird die Bewirtschaftung im Naturkreislauf vom Kompostieren bis zum Ernten und der Wissenstransfer von Schwester Cordula hochgehalten: „Bei uns sind alle Menschen willkommen, die Einkehr halten, sich in der Natur betätigen und in der Landwirtschaft lernen wollen. Wir freuen uns sehr, wenn Schüler, Pensionisten und unbegleitete minderjährige Flüchtlinge mit Freude ehrenamtlich helfen kommen. Sich mit der Natur zu befassen, ist besonders für junge Leute ein wertvolles ,Erlebnislernen‘.“

Tierisch wohlfühlen . . .

. . . kann sich die Ziegenherde von Bettina König in Schwarzach. Kein importiertes Kraftfutter, dafür Ziegenkäse als reines Naturprodukt mit frischen Kräutern hergestellt. In einer Wohlfühl-Oase leben die Charolais-Rinder und -Schafe, Wald-Schweine und allerhand Geflügel bei Familie Sieglinde und Christian Breuss in Übersaxen. Die Tierschutzpreisträger wollen ein gesundes Weiterbestehen des Hof-Betriebes auch für nachfolgende Generationen ohne Abhängigkeiten und giftige Spritzmittel – nur mit dem, was die Natur zur Verfügung stellt. „Geldmacht, Monsanto & Co. töten die Natur, die Pflanzen-, Tier- und Menschenwelt“, sagt Christian Breuss. „TTIP ist trotz aller Proteste nicht zu verhindern – es wird kommen, in welcher Form, das wird sich noch zeigen. Und genau deshalb heißt es umdenken, deshalb werden wir bei uns Arten- und Sortenvielfalt erhalten, natürlich düngen, den Tieren ein gutes und stressfreies Leben bieten. Wirtschaftlichkeit ist im Naturkreislauf ausreichend gegeben, wenn Lebens- und Wirtschaftsweise im Einklang sind. Wir sind von der Natur reich beschenkt und können von und mit ihr gut leben. Wir danken allen Kunden, die unsere Haltung schätzen und Teil davon werden.“

Gestaltete Naturparadiese für glückliche Tiere und Menschen.

Armin Rauch

Lebensart für Naturschutz und effizientes Wirtschaften.

LEO SIMMA
Bodenkultur: Schwester Cordula im Kloster Gwiggen.  Fotos: VD/PS
Bodenkultur: Schwester Cordula im Kloster Gwiggen. Fotos: VD/PS
Für Ökologie-Kreislauf und gesunde Lebensmittel: Bäckermeister Christian Hutter mit Permakulturist Leo Simma im Lauteracher Dinkelfeld.
Für Ökologie-Kreislauf und gesunde Lebensmittel: Bäckermeister Christian Hutter mit Permakulturist Leo Simma im Lauteracher Dinkelfeld.
Gesunde und g’schmackige Lebensmittel von sichtlich glücklichen Ziegen gibt es bei Bettina und Elena König in Schwarzach.
Gesunde und g’schmackige Lebensmittel von sichtlich glücklichen Ziegen gibt es bei Bettina und Elena König in Schwarzach.
„Wirtschaftlichkeit ist im Naturkreislauf gegeben“, sagen die Tierschutzpreisträger Sieglinde und Christian Breuss aus Übersaxen.
„Wirtschaftlichkeit ist im Naturkreislauf gegeben“, sagen die Tierschutzpreisträger Sieglinde und Christian Breuss aus Übersaxen.
Wenig Aufwand, viel Ertrag und beste Qualität: Die Zonen eines ganzheitlichen Naturgartens nach „Anastasia“ bzw. im ökologischen Kreislauf, illustriert von Sonja Steinscherer vom Permakulturhof Hittisau.
Wenig Aufwand, viel Ertrag und beste Qualität: Die Zonen eines ganzheitlichen Naturgartens nach „Anastasia“ bzw. im ökologischen Kreislauf, illustriert von Sonja Steinscherer vom Permakulturhof Hittisau.

Infos zu Permakultur-Philosophie und -Gärten

» Bio Berg Vielfalt, Dreiklang Schnifis Düns Dünserberg, www.region-dreiklang.at

» Buch „Miraculous Abundance“ von den Permakulturisten Perrine und Charles Hervé-Gruyer (Bec Hellouin – Modell für Lebensmittelanbau, Schaffung von Arbeitsplätzen, Erhöhung der Artenvielfalt und ohne fossile Brennstoffe)

» „Permakultur für alle“, von Sepp Brunner

» Zahlreiche Bücher von Bill Mollison

» „Permakultur-Akademie im Alpenraum“, von Dr. Marlies Ortner

» Permakulturgärten nach „Anastasia“ einfach erklärt auf https://www.youtube.com/watch?v=96sttin8f9U

» Dokumentarfilm „Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen“, http://www.tomorrow-derfilm.de