„Gesunde Modellregion ist möglich“

Extra / 13.10.2016 • 17:14 Uhr / 13 Minuten Lesezeit
„Nur wenn wir alle bewusst an einem Strang ziehen, erreichen wir mehr Lebensqualität nicht nur für uns, sondern für alle“, sagt LR Erich Schwärzler.
„Nur wenn wir alle bewusst an einem Strang ziehen, erreichen wir mehr Lebensqualität nicht nur für uns, sondern für alle“, sagt LR Erich Schwärzler.

Darin sind sich die Landesräte Johannes Rauch und Erich Schwärzler einig.

Bregenz. Beide sind auch überzeugt, dass es in Sachen Ressourcen-, Energie- und Agrarwende vor allem auf Bewusstsein, Lebensweise und entsprechendes Handeln von uns allen ankommt.

Vom Boden über die gesamte Ökobilanz sind unsere Bauern Natur-, Landschafts- und Klimaschützer Nr. 1: Wo stehen wir derzeit in Sachen Eigenversorgung in der gentechnik- und pestizidfreien sowie vielfältigen Lebensmittelproduktion? Und wo wollen wir hin?

Rauch: Die Fakten sind bekannt: Wir haben zu viel Milch und viel zu wenig Gemüse und Fleisch. Landwirte überlegen zunehmend, von der reinen Milchproduktion zusätzlich auf Gemüse-, Getreide- oder Kartoffelanbau und Fleisch umzusteigen. Das ist für viele Betriebe gar nicht so einfach, weil hohe Investitionssummen in den letzten Jahren in die Milchviehhaltung geflossen sind, der Preis für Milch jedoch im Keller ist. Ein betriebswirtschaftliches Dilemma. Wir müssen überlegen, welche Anreize im Fördersystem mithelfen, den Umstieg voranzubringen.

Schwärzler: Eine gänzliche Eigenversorgung mit Lebensmitteln aus der Vorarlberger Landwirtschaft ist angesichts der wachsenden Bevölkerung sowie der geografisch und landeskulturell beschränkten Gegebenheiten nicht möglich. Laut einer aktuellen Studie von Gerlind Weber fehlen uns bei den derzeitigen Ernährungsgewohnheiten etwa 70.000 Hektar Ackerflächen bzw. Böden für die Kultivierung von Gemüse und Obst. Trotzdem oder gerade deshalb ist es ein Ziel der Landwirtschaftsstrategie 2020 „Ökoland Vorarlberg – regional und fair“, mehr Eigenversorgung bei Fleisch, Gemüse, Obst und Getreide im Rahmen der Lebensmittelproduktion in der heimischen Landwirtschaft zu erreichen. Gentechnikfreiheit im Anbau besteht seit Jahren. Seit 2006 sind Vorarlberg Milch und die heimischen Sennereien kontrolliert gentechnikfrei. Mit der Festlegung, dass in der Vorarlberger Milchviehfütterung ab 1. September 2016 nur mehr gentechnikfreies Soja aus europäischer Herkunft eingesetzt wird, setzt die heimische Milchwirtschaft einen weiteren wichtigen Zukunftsschritt. Die Vorarlberger Landwirtschaft erweist sich damit einmal mehr als Vorreiter am Markt und bei der Reduktion des CO2-Fußabdrucks bei Sojaprodukten. Innovative Landwirte wie Bertram Martin mit seinem Modell von Vertragspartnern, die für ihn Dinkel anbauen, oder Winder Beeren, die seit vielen Jahren Beeren kultivieren, zeigen darüber hinaus auf, wie Chancen zukunftsfähig genutzt werden können. Durch eine klare, kontrollierte Produkt- und Herkunftskennzeichnung sowie Frische wird ein hohes Maß an Lebensmittelsicherheit geboten. Ich hoffe, dass die Konsumentinnen und Konsumenten durch den bewussten Griff zu gesunden, gentechnikfreien Lebensmitteln aus dem Ländle die Bauern weiterhin unterstützen und damit aktiv zum Erhalt des Arbeitsplatzes und Familienunternehmens Bauernhof sowie der Wertschöpfung in unseren Tälern und Dörfern beitragen.

Wann werden wir also zu 100 Prozent garantiert gentechnik- und pestizid-frei sein?

Rauch: Bei den Futtermitteln sind wir immerhin so weit, dass wir Import-Soja aus Übersee, ein Produkt, das eine verheerende Ökobilanz aufzuweisen hat, wegbekommen. Im Anbau sind wir gentechnikfrei, die Sache mit den Pestiziden geht aus meiner Sicht noch deutlich besser. Glyphosat beispielsweise hat auf Vorarlberger Äckern, Grünanlagen, Bahndämmen, Straßenrändern nichts mehr verloren. Hier bin ich zuversichtlich, dass es eine Neuzulassung nicht mehr geben wird. Was mich zunehmend beschäftigt, ist die Vermarktungsfrage: Kleine Bauern – und im internationalen Vergleich sind bei uns alle klein – sind aufgrund der Arbeitsbelastung in der Produktion nur sehr schwer in der Lage, auch noch die Vermarktung zu organisieren. Ausnahme sind jene, die sehr früh und sehr professionell auf Direktvermarktung gesetzt haben. Ich denke, wir brauchen eine Vermarktungsgenossenschaft, die sich professionell darum kümmert. Diese Genossenschaft, im besten und ursprünglichsten Sinn des Wortes, sollte aus Produzenten und Konsumenten, Landwirtschaft und Tourismus bestehen und gemeinsam von Land und Landwirtschaftskammer initiiert werden.

Schwärzler: Gehalten, gefüttert und geschlachtet heißt in der „3G-Strategie“ und dem „Ländle Herkunfts- und Gütesiegel“ der Ländle Qualitätsprodukte Marketing GmbH, dass das Tier in Österreich oder Vorarlberg geboren, mit gentechnikfreier Fütterung aufgezogen und nach den AMA-Richtlinien gehalten sowie in Vorarlberg geschlachtet wurde. Mit dem Ziel, den Anteil der Biobetriebe zu erhöhen, wird ein wichtiger Schritt in Richtung nachhaltiger Landwirtschaft gesetzt.

Wie sieht im Energie-, Land- und Forstwirtschaftsbereich die Ökobilanz aus?

Schwärzler: Der Energiebedarf Vorarlbergs ist von 2005 bis 2014 um vier Prozent gesunken, der Anteil erneuerbarer Energien stieg in der Zeit von 30 auf 34 Prozent an. Als Resultat ging der CO2-Ausstoß um 15 Prozent zurück. Der Einsatz von Öl hat sich seit 2005 halbiert. Der Verbrauch an Endenergie aus Photovoltaik, Solarwärme, Umgebungswärme bzw. Wärmepumpen sowie aus Biomasse inklusive Fernwärme konnte deutlich gesteigert werden. Die Pro-Kopf-Emissionen an Treibhausgasen gingen insgesamt von 5,9 Tonnen 2005 auf 4,5 Tonnen zurück, der österreichische Durchschnitt liegt bei 8,9 Tonnen. Die erfolgreiche Senkung der CO2-Emissionen gelang vor allem durch Dämmung, Kesselaustausch, durch den Ausbau von Anlagen zur Produktion heimischer erneuerbarer Energie sowie den Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Die positive Bilanz im Energiebereich steht auch im Einklang mit einer nachhaltigen Bewirtschaftung der heimischen Ressourcen.

Wie wird die Lenkung durch Förderungen sinnvoll umgebaut und effizient gestaltet?

Rauch: Auf dem Weg zur Energieautonomie sind viele Widerstände zu überwinden, zum Beispiel im Verkehrsbereich, wo Maßnahmen, um den motorisierten Individualverkehr einzubremsen, immer noch mehrheitlich auf Unverständnis stoßen. Großartig ist, dass wir so einen starken Player wie das Energieinstitut im Land haben, die Arbeit dieser Einrichtung wird weit über die Landesgrenzen beachtet, geschätzt und nachgeahmt. Das Energieinstitut hat viel dazu beigetragen, dass wir das Programm der Energieautonomie überhaupt beschlossen haben. Leider ist die Bundesregierung nicht wirklich bereit, zum Beispiel im Bereich der Photovoltaik, ein wirklich engagiertes Förderprogramm auf den Weg zu bringen. Die Bereitschaft vieler Privater, hier zu investieren, wäre nämlich hoch. Hoffnungen habe ich, dass in Sachen E-Mobilität bei Auto, Moped und Fahrrad in den nächsten Jahren tatsächlich eine rasante Zunahme kommen wird.

Schwärzler: Die Landwirtschaftsstrategie 2020 gibt für eine nachhaltige Lebensmittelproduktion, den Erhalt der flächendeckenden, viehhaltenden Land- und Alpbewirtschaftung im Kreislauf der Natur sowie eine enkeltaugliche Zukunft der Bauernhöfe im Tal- und Berggebiet mit den folgenden Strategien klare Ziele, Handlungsfelder und Maßnahmen vor: Bildung, soziale Verantwortung und Partnerschaft; Wertschöpfung; Umwelt, Lebensmittelqualität und Tierwohl; Kulturlandschaft auf dem Berg und im Tal. Der Vorarlberger Weg für die Landwirte heißt menschlich, eigenständig, leistungsstark und Erfolg durch Bildung.

Wie wird in Sachen Bodenversiegelung und Spekulation mit „Betongold“ gegengesteuert?

Rauch: Der Bodenverbrauch im Land schreitet leider ungebremst voran. Vor allem im Rheintal und Walgau nehmen die Nutzungskonflikte an Schärfe zu. Die Bodenpreise steigen in astronomische Höhen, die Landwirtschaft kann da immer weniger mithalten. Die Landesgrünzone bewahrt uns vor einem gänzlichen Ausverkauf innerhalb weniger Jahre. Diese zu halten wird die Herausforderung des nächsten Jahrzehnts sein. Die einzige rasch umsetzbare Maßnahme, um den Preisdruck bei Grund und Boden und beim Wohnen zu mildern, ist auf Verdichtung zu setzen. E + 2, also Erdgeschoß plus zwei Stockwerke, wie wir es jetzt haben, darf kein Dogma sein, ein oder zwei Stockwerke höher, eine kluge Innenverdichtung und Vorrang für die Nutzung schon gewidmeter Flächen müssen diskutiert werden.

Schwärzler: Bei der Entwicklung des Bodenverbrauchs sind die Grundsätze des Bodenschutzkonzepts 1992 von besonderer Bedeutung und aktueller denn je. Ursachen für den nach wie vor hohen Flächenverbrauch sind vor allem die hohen Ansprüche an das Wohnen, die wirtschaftliche Prosperität, die gestiegene Mobilität, das veränderte Freizeitverhalten und das Bevölkerungswachstum. Bedingt durch die gesetzlichen EU-Vorgaben konnten bisher noch keine Regelungen getroffen werden, um den Bodenverbrauch und die Preisentwicklung beim Handel wirkungsvoll einzubremsen. In einer eingerichteten Arbeitsgruppe werden derzeit die rechtlichen Möglichkeiten für einen sparsamen Bodenverbrauch geprüft. Weitere rechtliche Maßnahmen hinsichtlich der Überwachung der Stoffströme und Bodenqualität, welche über grundsätzliche Regelungen etwa im Abfallwirtschafts- und Wasserrecht hinausgehen, werden diskutiert. Hier sind aber auch die Interessen der Verwaltungsvereinfachung und Deregulierung angemessen zu berücksichtigen.

Wie ist die Zusammenarbeit der Landwirtschafts- und Tourismusstrategie angelaufen?

Rauch: Die Kooperation funktioniert in einigen Segmenten gut, in der Breite noch nicht ausreichend. Mit neuen Europaschutzgebieten – Natura 2000 – habe ich eine gute Grundlage dafür geschaffen, dass Berglandwirtschaft und Tourismus gleichermaßen profitieren. Hier müssen Alpwirtschaft und Berglandwirtschaft in gänzlich neuer Art und Weise unterstützt werden. Die bisherigen Modelle der Leistungsabgeltung sind nicht mehr ausreichend. Im Tourismus braucht es eine Sichtweise, dass Rückzugs- und Naturräume wie etwa die „Weißen Zonen“ keine Schikane, sondern Investition in die Zukunft sind. Wer Erholungsraum für die Menschen bieten kann, wird zu den Gewinnern gehören, jene, die auf „höher, schneller, weiter“ setzen, zu den Verlierern.

Schwärzler: Es wird auf Regionalität gesetzt, und viele unserer Betriebe machen im partnerschaftlichen Miteinander bereits vor, wie die Zukunft aussehen kann. Gastronomen fühlen sich der Region verpflichtet und veredeln regionaltypische Lebensmittel zu genussvollen Speisen. Die Vertragslandwirtschaft wird weiter ausgebaut.

Werden wir zur Modellregion mit Ökonomie und Ökologie im Einklang für mehr Lebensqualität für alle?

Rauch: Wir haben alle Voraussetzungen: Vorbilder sind der Großwalsertaler Biosphärenpark, der Bregenzerwald oder das Europaschutzgebiet „Verfall“. Wenn wir das in einer Art „Generationenvertrag“ in der Landwirtschaft die nächsten 30 Jahre halten können, und uns klar wird, dass die „Rheintalstadt“ mit ihren 280.000 Einwohnern auch entsprechende Ruhe- und Erholungsräume innerhalb und außerhalb braucht, dann geht das. Wir müssen auf langen Atem statt auf schnelles Geld setzen.

Schwärzler: Wenn immer mehr Menschen erkennen, dass unser tägliches Handeln unmittelbare Auswirkungen auf unsere Lebensqualität hat, dann erreichen wir das. Umdenken im verantwortungsvollen Umgang mit unserer Natur und den Ressourcen für eine enkeltaugliche Zukunft kann nur gemeinsam bewältigt werden. Dafür braucht es vor allem auch persönliche Bewusstseinsbildung und Verhaltensanpassung. Wenn nicht der Marktpreis im Welthandel, sondern der Lebenspreis in der regionalen und naturnahen Qualitätsproduktion umsetzbar wird, haben wir die Basis für echte Partnerschaft und Erhalt der Lebensgrundlagen.

Brauchen professionelle Vermarktungsgenossenschaft.

johannes rauch

Modellregion durch Bewusstsein und unser Verhalten.

erich schwärzler

Strategische Maßnahmen im Ökoland

Bildung, soziale Verantwortung und Partnerschaft

» Lebensqualität und Werte in den bäuerlichen Familien thematisieren

» Angebote in der Aus- und Weiterbildung für die Landwirtschaft verbessern

» Unternehmertum und Kooperationen in den bäuerlichen Betrieben erweitern

» Partnerschaften mit Tourismus und Handel weiter ausbauen

Wertschöpfung

» Einkommen der bäuerlichen Betriebe unter besonderer Berücksichtigung von extrem benachteiligten Bergbauernbetrieben verbessern

» Marktposition Vorarlbergs als Milch- und Käseland festigen

» Eigenversorgung bei Fleisch und Marktfrüchten aus Vorarlberg steigern

» Wertschätzung und Wertschöpfung von regionalen Lebensmitteln steigern

Umwelt, Lebensmittelqualität, Tierwohl

» Anteil der Biobetriebe und BiokonsumentInnen verdoppeln

» Im Tierschutz Nummer 1 in Österreich werden und ökologische Stoffkreisläufe forcieren

» Vorarlberger Lebensmittelstandard auf Basis eines einheitlichen Gütesiegels weiterentwickeln

» Beitrag der Land- und Forstwirtschaft zur Vorarlberger Energieautonomie steigern

Kulturlandschaft in Berg und Tal

» Grund und Boden für die Landwirtschaft sichern, besonders für die Lebensmittelproduktion

» Flächendeckende Bewirtschaftung und Besiedelung im Berggebiet sichern

» Naturnahe Bewirtschaftung und Erzeugung von Spezialitäten auf der Alpe festigen

» Grünlandwirtschaft mit ganzjähriger Viehhaltung sicherstellen