„Die Erholung kam früher und fiel noch kräftiger aus als erwartet“

Extra / 07.03.2019 • 08:48 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der Dow-Jones-Index hat die schlechteste Aktienperformance seit 1931 hinter sich. 90 Prozent der Anlageklassen erzielten 2018 ein negatives Ergebnis.

Der Dow-Jones-Index hat die schlechteste Aktienperformance seit 1931 hinter sich. 90 Prozent der Anlageklassen erzielten 2018 ein negatives Ergebnis.

Nach der schlechtesten Dezember-Aktienmarktperformance des Dow-Jones-Index seit 1931 und dem Umstand, dass noch nie seit 100 Jahren so viele Anlageklassen, nämlich mehr als 90 Prozent, im Jahr 2018 ein negatives Ergebnis erzielt haben, lag es fast auf der Hand, dass es 2019 zu einer Erholung kommen wird.

Die VN sprachen darüber mit Prokurist Roland Rupprechter MBA, Leiter Asset- und Portfolio Managament bei der Hypo Vorarlberg.

Er führt aus: „Dass bereits nach eineinhalb Monaten des neuen Jahres die 2018er-Kursverluste an den Aktienmärkten weitgehend ausgebügelt sind, haben selbst die größten Optimisten nicht erwartet. Grund dafür war, dass die amerikanische Notenbank Fed ihre Markteinschätzung deutlich verändert hat. Während sie noch auf ihrer Sitzung im Dezember bestätigte, an der restriktiven Geldpolitik festzuhalten, hat sie im Jänner nicht nur einer weiteren Zins­erhöhung im März eine Absage erteilt, sondern spricht nun von einer abwartenden Haltung.“

Neupositionierung der Fed

Offensichtlich hat der starke Einbruch am Aktienmarkt die Fed merklich beeindruckt. Anders ist auch kaum die Ankündigung zu erklären, dass das laufende Programm zum Abbau der Bilanzsumme jederzeit auch umgekehrt werden könnte. Seit dem letzten Jahr reduziert die amerikanische Notenbank ihre Bilanz monatlich um 50 Milliarden US-Dollar. Die Befürchtung der Marktteilnehmer ist, dass ein zu starker Abbau zu einem so hohen Zinsniveau führen könnte, dass die US-Konjunktur abwürgt wird. Rupprechter weiter: „Diese Neupositionierung der Fed veränderte die Einschätzung über den zukünftigen Pfad der Geldpolitik: Rechnete der Markt Ende Oktober 2018 noch mit einem Anstieg des Leitzinses Richtung drei Prozent für Anfang 2020, so wird aktuell ein unverändertes Zinsniveau erwartet und für den Beginn des nächsten Jahrzehnts sieht der Markt sogar einen Rückgang des Leitzinses.“

Die Wahrheit wird vermutlich in der Mitte liegen. Einerseits deuten das Zusammenlaufen der US-Renditen verschiedener Laufzeiten sowie die ungewöhnlich tiefe US-Arbeits­losenrate, die zu anziehenden Löhnen und Preisdruck führen wird, auf eine Wirtschaftsabkühlung. Andererseits liegt der US-Leitzins aktuell nur knapp über der Kerninflationsrate. Von einer restriktiven Geldpolitik, die das Wachstum abwürgen könnte, kann daher nicht gesprochen werden.

„Aufgrund der zuletzt pragmatischen Vorgehensweise der Fed, auf eine Veränderung der Wirtschaftslage flexibel zu reagieren, statt dogmatisch einem einmal eingeschlagenen Kurs zu folgen, rechnen wir nicht damit, dass die US-Wirtschaft in eine Rezession abkippen wird, sondern dass sie gemäß ihrem Potenzial weiterwächst“, erläutert der ­Finanzexperte. In Europa haben die zurückgefahrenen Netto-Käufe der EZB, zunehmender Protektionismus, die Hängepartie beim Brexit, die nachlassende Nachfrage Chinas sowie der hart von neuen Emissionsvorgaben getroffene Automobilsektor das Wachstum spürbar abgebremst. Trotz der enttäuschenden Entwicklung sollten aber die jüngsten Trends nicht einfach extrapoliert werden. Immerhin ging dem Rückgang eine Phase hohen Wachstums voraus. Sollte sich nur Chinas Wachstum stabilisieren, von dem Experten ausgehen, könnte sich die Eurozone erholen.

Wie geht es jetzt weiter?

„Das Potenzial für die weitere Kurserholung veranschlagen wir nach dem starken Aktienmarktanstieg nun etwas geringer. Ungeachtet der sich eintrübenden Rahmendaten ist es unseres Erachtens aber für einen generellen Abschwung noch zu früh. Selbst das reduzierte globale Wachstum reicht noch für steigende Unternehmensgewinne. Zudem sind die aktuellen Zinsen noch nicht hoch genug, um die Aktien bewertungsmäßig unter Druck zu setzen. Die Volatilität wird hoch bleiben“, meint Rupprechter und gibt folgende Tipps: „Neuengagements sollen daher über mehrere Stufen aufgebaut werden. Bei bestehenden Aktien­investments empfehlen wir bei einem Verlaufshoch einen Teil der Gewinne zu realisieren, um später günstige Kaufgelegenheiten nutzen zu können. Wir ziehen derzeit europäische Qualitätsaktien (Unternehmen mit robustem Geschäftsmodell sowie verlässlichen Gewinnen und Dividenden) den hoch bewerteten US-Aktien vor.“

Das Potenzial für die weitere Kurserholung veranschlagen wir nach dem starken Aktienmarktanstieg nun etwas geringer.

Roland Rupprechter, Hypo Vorarlberg