Vorwort. Dr. Martin Morgenstern, Evolutionspsychologe und Stressexperte, Gastredner bei der Preisverleihung

Extra / 06.02.2020 • 10:24 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Schwarzach Das Leben ist wie ein Kartenspiel. Mal bekommst du ein gutes, manchmal ein schlechtes Blatt. Im englischen heißt schlechtes Blatt schlicht „Shit happens“.

„Shit happens“ ist synonym für: Es gibt ein Problem. Ein Problem kann viele Namen haben. Zum Beispiel Konflikt mit Mitmenschen, Stau, Geldsorgen oder zu wenig Zeit und zu viel zu tun. Was jetzt passiert, ist schnell erklärt: Das Gehirn startet das Stressprogramm. Innerhalb kürzester Zeit drehen Stresshormone den Kreislauf hoch und spannen die Muskeln an. Der Körper ist bereit, das Problem auf die gute alte Art, wie einst in der Steinzeit, zu lösen – entweder durch Kampf oder Flucht. Und sollte beides nicht gehen, wäre die letzte Option noch tot stellen.

Heutzutage lassen sich nur noch wenige Probleme körperlich lösen. Bei Problemen hilft besser ein kühler und überlegter Kopf. Aber leider hat das Stressprogramm die Eigenschaft, das Denken fast auszuschalten. Man könnte lustig sagen, Stress macht ein wenig blöd. Das war allerdings in der Steinzeit gar nicht blöd. Weil, wenn da ein Bär auf einen zustürmt, würde der Denkvorgang wertvolle Sekunden rauben und man hätte wahrscheinlich an der einen oder anderen  Ecke einmal zu viel nachgedacht. Die meisten Probleme löst man besser gelassen, überlegt und mit innerer Ruhe. Die Menschheit hat sich seit der Steinzeit die letzten 50.000 Jahre genetisch nicht mehr wesentlich verändert. Dadurch entfernt sich der Mensch aber auch immer mehr von seiner eigenen artgerechten Haltung. Er bewegt sich immer weniger, isst Sachen, die sein Körper eigentlich nicht will, schläft zu wenig und aktiviert den Körper über das Stressprogramm, um danach aber nicht zu laufen, sondern um sitzen zu bleiben. Dass diese Entwicklung keine gute Idee ist, davon kann mittlerweile fast jeder ein Lied singen. Aber keine Sorge, mit etwas mehr Selbstwahrnehmung, dem nötigen Wissen und kleinen Veränderungen im Leben und in den Gehirnstrukturen, lässt es sich heute noch gelassen gewinnen.

Stellen wir uns dazu eine Situation vor, in der wir ein schlechtes Blatt haben. Was man nicht verhindern kann, ist, dass der Körper das Stressprogramm zündet. Aber probieren Sie mal folgende Technik aus und stellen Sie sich die drei goldenen Fragen:

 1. Kann ich das Problem gerade körperlich lösen?

Wenn ja, tun Sie es einfach und Sie brauchen keine weitere Technik. Wenn nicht, dann  gehen wir mit der nächsten Frage einmal in das Problem rein. Als Beispiel nehmen wir mal einen Stau…

 2. Was soll schlimmstenfalls passieren?

Mit dieser Frage gehen wir jetzt in den Worst Case rein. Beispielsweise bei Terminverzug durch den Stau: „Ich werde das Geschäft verlieren!“ Und jetzt gibt es einen kleinen Trick, den auch die Psychotherapie gerne anwendet. Ich muss lernen, zu akzeptieren. Wenn ich das Problem so einfach lösen könnte, hätte ich es ja schon längst getan. Es wird Zeit für einen Perspektivenwechsel. Dazu Frage 3.

 3. Was würde mir der coolste Mensch der Welt jetzt raten?

Der sind natürlich Sie! Aus dieser Perspektive sucht Ihr Gehirn nach Lösungen. Innere Antworten können jetzt z. B. sein „Ruf deinen Termin an“. Und manchmal sagt der coolste Mensch auch „Bleib ruhig, du kannst es gerade nicht ändern“.

Erwarten Sie sich keine Wunder über Nacht von dieser Technik. Aber an Übungsgelegenheiten wird es wohl nie mangeln. Denn das Leben mischt die Karten und „Shit happens“. Aber Sie spielen. Nun wünsche ich euch, liebe „50 Köpfe“, alles Gute für den weiteren Weg!

Martin Morgenstern

Zur Person

Dr. Martin Morgenstern

geb. 1971 in Siegburg, ist Verhaltensforscher und Evolutionspsychologe. Als Experte für mentale Stärke, Persönlichkeitsentwicklung, Motivation und Stressmanagement verwandelt er Führungskräfte, Politiker, Unternehmer und Sportler von Stressbeherrschten in Stressbeherrscher.