Der Volksseele Gehör verschaffen

Extra / 11.11.2020 • 15:20 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Der VN-Stammtisch zur Kanisfluh brachte die Menschen in Bewegung, aber auch andere und junge Themen sensibilisierten interessierte Bürger immer wieder.

Der VN-Stammtisch zur Kanisfluh brachte die Menschen in Bewegung, aber auch andere und junge Themen sensibilisierten interessierte Bürger immer wieder.

Die VN-Stammtische ermöglichen seit Jahrzehnten eine Demokratie im Kleinen.

Im Mai 1984 fiel der Startschuss für eine Aktion, die zum Markenzeichen der Vorarlberger Nachrichten wurde und heute wichtiger denn je ist. Der VN-Stammtisch erlebte seine Premiere. Ziel war es, die Menschen an öffentlichen Geschehnissen mit ihrer Stimme teilhaben zu lassen. Das Instrument der Demokratie im Kleinen hat sich bis heute bewährt. Vorhaben, seien sie politischer, wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Natur, werden auf diese Weise vor den Vorhang geholt und breit, mitunter auch sehr emotional diskutiert. So mancher VN-Stammtisch hat außerdem die Weichen dafür gestellt, dass Projekte noch einmal gründlich überdacht oder in eine andere, für Mensch und Natur freundlichere Richtung gelenkt wurden. Inzwischen ist, coronabedingt, der VN-Stammtisch digital geworden. Mitsprachemöglichkeiten gibt es trotzdem.

Ein paar „heiße Stammtische“

Umweltaktivistin und Russpreisträgerin Hildegard Breiner (84) erinnert sich an einige, wie sie sagt, heiße Stammtische. Als Beispiele nennt sie den geplanten, aber schlussendlich verhinderten Kiesabbau unter der Kanisfluh, die Debatten um Ruhezonen im Bereich Mellau-Damüls, die Landesgrünzone in Weiler, die S 18 oder den Speicherteich im Skigebiet Silvretta Montafon. „Die Wogen sind zwar mitunter sehr hochgegangen, trotzdem ist es gut, dass es diese Stammtische gibt, wo auch die Volksseele Gehör findet“, sagt Breiner.

Psychiater Reinhard Haller (69) schlägt in eine ähnliche Kerbe. „Alles, was letztlich mit Gemeinschaft zu tun hat, sollte eigentlich auch gemeinsam entschieden werden können“, verweist der Russpreisträger in diesem Zusammenhang auf die Schweiz, wo Volksabstimmungen ein Instrument der direkten Demokratie und damit ein bedeutendes Element des politischen Systems der Eidgenossen sind. Hierzulande sieht er nur wenig solche Gelegenheiten gegeben, weshalb Formate wie die VN-Stammtische aus seiner Sicht umso wichtiger sind. „In diesem Rahmen kann diskutiert und miteinander geredet werden.“ Den Stammtisch bezeichnet er als ideale Plattform, weil er alles zulasse und neutral sei.

Legendäre Veranstaltung

Es gab im Verlauf der Jahre viele Veranstaltungen, in denen der Bürgerwille recht deutlich artikuliert wurde. Fast schon legendär ist aber jene zum geplanten Kiesabbau an der Kanisfluh. Das Thema hatte schon im Vorfeld die Gemüter stark erhitzt. Am VN-Stammtisch vor dem Gemeindesaal in Schnepfau nahmen rund 500 Personen teil, und 10.000 Menschen waren online über den VOL.at-Livestream dabei. Inzwischen hat das Land die Kanisfluh unter Schutz gestellt.

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