Fünf Thesen für die Zukunft Europas

Extra / 11.11.2020 • 16:11 Uhr

Wie wird sich Europa in den nächsten 75 Jahren entwickeln? In welche Richtung steuert die EU? „Nichts ist schwieriger zu erforschen als die Zukunft“, sagt die Politikwissenschaftlerin und Autorin Ulrike Guérot. Insbesondere wenn es um eine so große Zeitspanne geht. Trotzdem versucht sich die Expertin an einer Einschätzung.

Ihre erste These betrifft das Verhältnis zu den USA. Dieses werde auf jeden Fall schlechter, sagt Guérot. Auch wenn nach Donald Trump ein anderer Präsident im Weißen Haus sitzt. Die Nato verliere zunehmend an Bedeutung. „Wir gehen weg von der Geostrategie hin zur Geoökonomie, und damit zu China.“ Die Volksrepublik werde für Europa vor allem aus wirtschaftlichen Gründen immer wichtiger. Dadurch ergebe sich eine Herausforderung für die Demokratie – die zweite These. Wirtschaftliche Verflechtungen gewinnen noch größere Bedeutung. Der Sozialstaat verliere an Gewicht, da er Kosten verursache und in diesem ökonomischen Modell nicht effizient genug sei. „Auch mit Blick auf China müssen wir uns die Frage stellen: Wie weit können wir uns der autoritären Frage entziehen?“

Damit verbunden ist die dritte These, die zunehmende Spaltung der Gesellschaft – sowohl politisch als auch ökonomisch. „Das unterste Viertel lebt im Prekariat, es hat weniger politische Teilhabe. Es gibt eine unübersehbare Spaltung in Stadt und Land“, erklärt die Politologin. Gesellschaftliche Modernisierungsprozesse würden manche ländlichen Regionen nicht erreichen. Das habe auch nichts mit nationalen Grenzen zu tun. „Es zeigt, dass die EU nicht allen Bürgern gleich dient.“

Das bringt Guérot zur vierten These: „Der Nationalstaat hat nicht gesiegt.“ Und das werde er auch in Zukunft nicht tun. Zwar hätten sich in Zeiten der Coronakrise nationale Reflexe gezeigt. Stichwort: Grenzschließungen. Nach einigen Monaten sei es aber zu einem europäischen Handeln gekommen. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir die Grenzen nicht nur für Waren offen halten können, sondern dass sie auch für Bürger offen bleiben müssen.“ Dabei habe auch die Empörung vieler Bürger in Grenzgebieten wie der Bodenseeregion beigetragen.

Guérots fünfte These betrifft die digitale Transformation. Sie führe zu einer datenbasierten Gesellschaft und einer hochgradig polarisierten Debattenkultur. Es fehle an „Geist“. Wissen anzusammeln, reiche nicht. Es gehe auch um den Umgang damit. Guérot nennt ein Beispiel: „Wir wissen, dass die Polkappen schmelzen. Doch verbieten wir deshalb alle Flugzeuge?“ Die Diskussion solcher Fragen sei hochgradig polarisiert, sagt die Wissenschaftlerin. „Fragt man mich, wie Europa in den nächsten 75 Jahren aussehen wird, antworte ich: Verlieren wir nicht den Geist.“