Handys mit Geruchssinn

Extra / 11.11.2020 • 16:10 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die Künstliche Intelligenz wird fester Bestandteil unserer Zukunft, birgt aber noch viele Tücken. Welche, erklärt Robert Krimmer, Professor für e-Governance an der estnischen Universität Tartu. Der gebürtige Vorarlberger glaubt auch, dass sich die Funktionen von Mobiltelefonen massiv verändern könnten, etwa im Bereich der Gesundheit oder beim Riechen.

Wie radikal werden die Veränderungen durch die Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) in den kommenden Jahren sein?

Krimmer Die digitale Transformation hat gerade erst begonnen. Massive Veränderungen am Arbeitsmarkt und in unserer Lebensrealität kommen auf uns zu. Gerade die Künstliche Intelligenz hat das Potenzial, uns einfache Tätigkeiten abzunehmen oder uns dabei zu unterstützen.

Wie werden wir wohnen, uns fortbewegen und arbeiten?

Krimmer Digitale Hilfsmittel sind während der Covid-19-Krise bereits zum Ersatz physischer Präsenz geworden. Diese Veränderung wird weiter zunehmen, sodass wir uns immer mehr selbstbestimmt den Ort unseres täglichen Geschehens aussuchen können.

Wie zuverlässig sind KI-Systeme derzeit?

Krimmer Künstliche Intelligenz hat wenig mit Intelligenz per se zu tun. KI-Systeme basieren im Wesentlichen auf statistischen Verfahren. Sie werden mit Daten trainiert. Wir lassen sie lernen, was wichtig und notwendig ist, um eine Aufgabe zu erfüllen. Das kann ein Problem darstellen, wenn die Daten nicht zum Kontext passen. Ein selbstfahrendes Auto, das in den USA – mit US-Daten – gelernt hat zu fahren, wird sich mit den Verkehrszeichen und -regeln in Österreich schwerer tun. KI-Systeme sind so zuverlässig, wie die Daten, mit denen wir sie füttern.

Welche Rolle spielen die EU, Österreich, Vorarlberg in der KI-Entwicklung?

Krimmer In Zukunft brauchen wir lokale Daten, um KI-Systeme zu trainieren; also eine Datenkultur, die es Computersystemen erlaubt, unsere europäische, österreichische und Vorarlberger Wirklichkeit zu erfassen.

Das erste iPhone wurde 2007 vorgestellt. Jetzt gibt es Smartwatches, Gesichtserkennung, Sprachsysteme sowie Apps für alle möglichen Lebensbereiche. Wohin führt uns die Kommunikationstechnologie in 75 Jahren?

Krimmer Das ist schwer zu sagen. Es gibt eine Tendenz zur Konzentration auf persönliche Assistenten. Schon heute ist es so, dass das Smartphone viele Werkzeuge ersetzt hat: Atlas, Fotoapparat, Taschenrechner, Notizblock, Schreibmaschine, Diktiergerät… Jetzt schon sehen wir den Ersatz von Gesundheitswerkzeugen: Blutdruck- und Pulsmesser, Schrittzähler, Sauerstoffsättigung des Blutes, die ja schon in den heutigen Smartwatches enthalten sind. Es werden sich auch heute noch undenkbare Möglichkeiten eröffnen. Denken wir nur an künstliche Nasen, die den Smartphones die Erfassung von Gefahrstoffen ermöglichen werden. Die Unterstützung der menschlichen Sinne hat erst angefangen.

Es gibt unterschiedliche Prognosen, wann sich das Maschinenlernen von den Vorgaben emanzipiert und verselbstständigt.

Krimmer Mit den heutigen Systemen ist die Emanzipation von Maschinen äußerst unwahrscheinlich. Künstliche Intelligenz auf Basis des heutigen Stands der Technik sind Systeme, die mit statistischen Verfahren arbeiten. Autarke Systeme erfordern neuartige Verfahren, die sich von den heutigen Ansätzen unterscheiden. Aber sag niemals nie.

Werden wir in 75 Jahren noch im Wahllokal oder per Brief wählen?

Krimmer Die digitale Transformation erfordert, dass wir in der Lage sein müssen, im virtuellen Raum Entscheidungen umsetzen zu können, die den Anforderungen der heute gültigen Wahlrechtsgrundsätze gerecht werden. Hier brauchen wir noch mehr Forschung. Dass wir ein solches sicheres System brauchen, ist meiner Meinung nach unbestritten, somit gehe ich davon aus, dass wir in 75 Jahren längst eines haben werden.

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